Altersarmut in NRW
„Die Rente reicht oft nicht“: Ältere Menschen müssen zur Tafel gehen – doch auch die hat Probleme
In NRW sind immer mehr Rentner auf die Tafel angewiesen. Oft fehlen selbst ein paar Euro für Alltägliches. Viele versuchen, den Gang dorthin zu verbergen.
Jasmin Gohle stand weinend vor der Tafel. Sie hatte ihr ganzes Leben gearbeitet, war durch eine Insolvenz gegangen, und stand nun mit 628 Euro Rente im Monat da. Gisela Kargitter, 82, brauchte Jahre, bis sie sich überwand – und den Weg zur Tafel fand. Beide sind Teil einer wachsenden Gruppe: Ältere Menschen in NRW, die auf die Unterstützung der Tafel oder anderer Organisationen angewiesen sind.
Über 170 lokale Tafeln gibt es in NRW. Sie versorgen Menschen, die sich Lebensmittel nicht mehr leisten können. Immer häufiger sind das ältere Menschen. Petra Jung, Sprecherin des Tafel-Landesverbands NRW, kennt diese Schicksale. Im Gespräch mit wa.de verrät sie, was sie täglich beobachtet – und was das über die Lage im Land aussagt.
Rente reicht oft nicht – dann steht der Gang zur Tafel an
Die Tafel ist keine Einrichtung für eine bestimmte Gruppe. Berechtigt ist, wer eine Transferleistung bezieht: Grundsicherung, Wohngeld, Zuschüsse. „Die Rente reicht oft nicht“, sagt Jung. „Es gibt etliche, die kommen mit Bescheiden zu Wohngeld, Zuschlägen und so weiter.“
Der Warenkorb, den Tafelkunden für einen Eigenanteil von etwa zwei Euro erhalten, hat einen ermittelten Wert von 40 bis 60 Euro. „Das heißt, sie sparen etliches Geld in der Woche oder im Monat und können dann zurücklegen, was sie brauchen“, erklärt Jung. „Schuhe zum Beispiel.“ Der Satz beschreibt eine Realität, in der Schuhe kein Selbstverständnis sind. So wie viele andere vermeintlich alltägliche Dinge.
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Wer denkt, dass die Tafeln in NRW nur mit Nahrungsmitteln helfen, der irrt sich. Altersarmut zeigt sich nicht nur im leeren Kühlschrank. Sie zeigt sich in den kleinen Dingen, die andere für selbstverständlich halten. Jung beschreibt es so: „Keiner, der normal wohlhabend ist, würde sich Gedanken machen müssen, ein Magnesium zu kaufen, damit die Muskeln sich entspannen. Das sind frei zugängliche Nahrungsergänzungsmittel. Das kriegen unsere Leute nicht hin.“
Ältere Rentner haben nicht nur Probleme, Lebensmittel zu kaufen
Schmerzmittel, Gebissreiniger, ein orthopädisches Kissen, ein Besuch beim Osteopathen. „Das können sich unsere Tafelnutzer nicht leisten“, sagt Jung. Rentnerin Gisela Kargitter hat im Gespräch mit wa.de Ähnliches berichtet: Dinge, über die man nicht spricht, weil man sich schämt. Weil man nicht will, dass jemand weiß, wie eng es wirklich ist.
Unter den Tafelbesuchern nimmt der Anteil älterer Menschen zu – und Jung rechnet mit einer weiteren Zunahme. Auch Menschen mit Migrationshintergrund tauchen zunehmend bei den Tafeln auf. „Die erste Gastarbeitergeneration – das sind alles jetzt Rentner. Wenn es eng wird in Sachen Rente, dann sind sie auch berechtigt, zur Tafel zu kommen, und sie kommen auch vermehrt“, sagt Jung und ergänzt: „Wir rechnen mit einem Ansturm von mehr älteren Tafelbesuchern. Auf jeden Fall.“ Eine Beobachtung, die auch andere Fachleute teilen – Altersarmut ist ein großes Thema in NRW.
Besonders betroffen sind Frauen, weil die viel häufiger in prekären Situationen gearbeitet haben. „Das sind die Personen, die Angehörige gepflegt haben, die Kinder erzogen haben. Da sind wir thematisch auch bei Scheidung: Viele sind hinterher nicht mehr auf die Beine gekommen“, weiß Jung von den Tafeln NRW.
Dazu kommt die Witwenrente. „Diese älteren Damen haben jetzt auch noch ein zusätzliches Problem – bekanntlich sterben Männer ja zumindest laut Statistik vor den Frauen – und dann kriegen sie zwar noch Rente von ihren Männern, aber das ist ja weniger. Witwen bekommen teilweise nur 60 Prozent und dann kommen sie nicht mehr so gut über die Runden.“
Rentner schämen sich oft, zur Tafel zu gehen
Das vielleicht prägnanteste Bild, das Petra Jung liefert, ist dieses: „Es gibt wirklich Menschen, die steigen nicht einmal bei der Bushaltestelle vor der Tafel aus, sondern sie steigen eine Haltestelle davor oder dahinter aus, damit bloß keiner sieht, dass sie zur Tafel gehen müssen. Es gibt noch das Riesenstigma.“ Das ist ein Muster, das Jung in ganz NRW beobachtet. Und es hat Konsequenzen: Wer sich schämt, kommt später. Wer später kommt, hat länger gelitten.
Das Leid ist zudem längst nicht nur finanzieller Natur. Armut macht einsam. Das ist keine neue Erkenntnis – aber Jung beschreibt, wie konkret dieser Zusammenhang im Alltag sichtbar wird. „Einzelschicksale – das ist das, was wirklich zählt. Da kenne ich die Rentnerin, die kaum über die Runden kommt und die letzte Woche im Monat nur noch 25 Euro übrig hat und nichts mehr unternimmt. Diese Rentnerinnen gehen nicht raus. Teilhabe – das ist ein großes, schwieriges Thema. Vereinsamung generell: Es ist ein Teufelskreis.“
Wer kein Geld hat, unternimmt nichts. Wer nichts unternimmt, verliert Kontakte. Wer Kontakte verliert, vereinsamt. Wer vereinsamt, wird krank. Die Tafel versucht, diesen Kreislauf an einer Stelle zu unterbrechen – beim Lebensmitteleinkauf. Aber sie kann ihn nicht alleine durchbrechen. Vereine wie Seniorenglück aus Dortmund, Caritas, Diakonie und andere Sozialverbände versuchen auch aufzufangen, was das System längst nicht mehr schafft.
Ehrenamtliche sind das Rückgrat der Gesellschaft
Die Tafel-Vereine in NRW arbeiten alle mit Ehrenamtlichen – und auch dort macht sich das Alter bemerkbar. „Wir nehmen zahlenmäßig an Ehrenamtlern zu, aber die Stundenzahlen gehen runter, weil auch unsere älteren Ehrenamtler es nicht mehr so schaffen“, sagt Jung. „Sie kommen beispielsweise nicht mehr dreimal in der Woche, sie kommen dann halt nur noch zweimal.“
Hinzu kommt ein weiteres Problem. Mobile Auslieferungen für Menschen, die nicht mehr selbst zur Tafel kommen können, gibt es bei einigen größeren Tafeln. Flächendeckend ist das nicht möglich. „Das kostet halt wieder ehrenamtliche Kräfte und Zeit, das bindet auch Fahrzeuge – und das haben wir halt oft nicht. Aber wir würden gerne noch mehr helfen können“, so Jung.
Doch die Probleme werden größer, nicht kleiner. Das Ehrenamt stößt an seine Grenzen – auch bei der Tafel.
Rubriklistenbild: © Marvin K. Hoffmann


