Kommentierende Analyse
Rentner mit Migrationshintergrund: Sie haben Deutschland aufgebaut – und fallen durchs Raster
Viele frühere Gastarbeiter in NRW leben heute in Altersarmut. Grundsicherung wird oft nicht beantragt, obwohl sie zusteht. Es gibt Barrieren, die kaum jemand sieht. Eine kommentierende Analyse.
Jahrzehntelang schufteten sie auf Zechen unter Tage, in Gießereien bei glühender Hitze und fegten in Putzkolonnen ganze Straßenzüge und Häuser. Heute sind viele der einstigen Gastarbeiter in NRW arm und alt – und holen sich nicht einmal die Hilfe, die ihnen zusteht. Ein System hat sie vergessen. Und sie haben gelernt, zu schweigen.
Für diesen Artikel wollte die Redaktion mit Betroffenen sprechen. Mit Menschen, die als Gastarbeiter oder aus anderen Gründen nach NRW kamen, jahrzehntelang gearbeitet haben und heute in Altersarmut leben. Die Anfragen blieben ohne Antwort. Vereine, Beratungsstellen, Wohlfahrtsverbände – überall dieselbe Auskunft: Die Menschen wollen nicht reden. Nicht über Geld. Nicht über Armut. Die Scham – das ist jedenfalls der Eindruck, der bei unserem Reporter entsteht – sitzt tiefer als bei deutschen Rentnern, die ebenfalls arm sind. Sie sitzt so tief, dass sie unsichtbar macht.
Gastarbeiter schufteten für eine Rente, die nicht reicht
Das Schweigen dieser Menschen ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen ihnen beigebracht wurde, dass sie Gäste sind – auch wenn sie längst geblieben sind. Und es ist das Ergebnis eines Systems, das sie bis heute nicht wirklich erreicht. Vielleicht auch das Ergebnis eines Systems, das sie nicht erreichen können – Sprachbarrieren und Bürokratie sind schwerer zu überwinden als Grenzen.
Die Gastarbeitergeneration kam in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland – aus der Türkei, aus Italien, aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Marokko und Tunesien. Sie wurden gebraucht: in den Zechen des Ruhrgebiets, in den Stahlwerken, in der Textilindustrie, in der Autoindustrie, auf dem Bau. Körperlich schwere, oft schlecht bezahlte Arbeit. Arbeit, für die sich andere zu schade waren. Arbeit, für die es im aufstrebenden Nachkriegsdeutschland an Kräften mangelte.
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Heute sind viele von ihnen über 70 oder gar 80. Und die Rente, die am Ende dieser Erwerbsbiografie steht, ist oft erschreckend niedrig. „Jahrzehntelange Arbeit in schlecht bezahlten, körperlich anstrengenden Berufen führt zu niedrigen Löhnen – und damit zu niedrigen Renten“, sagt eine Sprecherin des Landesintegrationsrats NRW gegenüber wa.de. Dazu kommen Phasen von Arbeitslosigkeit, frühes Ausscheiden aus dem Beruf wegen gesundheitlicher Schäden – und unterbrochene Erwerbsbiografien, die das deutsche Rentensystem, das stark auf lückenlosen Einzahlungen beruht, besonders hart bestraft.
Markus Lahrmann, Pressesprecher der Caritas NRW, ergänzt auf wa.de-Nachfrage: Viele dieser Menschen hätten Rentenansprüche in mehreren Ländern – Deutschland habe zwar Sozialversicherungsabkommen mit der Türkei, Marokko, Tunesien und den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens. Doch in der Summe ergebe sich trotzdem oft eine Rente, von der man nicht leben könne.
Migranten nehmen Grundsicherung im Alter häufig nicht in Anspruch
Rund 60 Prozent aller Anspruchsberechtigten nehmen die Grundsicherung im Alter nicht in Anspruch – das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnet, hochgerechnet auf etwa 625.000 Privathaushalte bundesweit. Für Menschen mit Migrationshintergrund gilt diese Quote nach Einschätzung von Fachleuten als noch höher.
Die Gründe sind vielschichtig. Unwissenheit spielt eine Rolle, Scham eine noch größere. Und dann ist da eine Angst, die Lahrmann aus der Caritas-Beratungspraxis kennt: die Sorge, dass ein Antrag auf Grundsicherung den Aufenthaltsstatus gefährdet. „Diese Befürchtung ist rechtlich in der Regel unbegründet“, sagt Lahrmann. Wer eine deutsche Rente bezieht, kann nicht ausgewiesen werden. Aber die Angst bleibt – gewachsen in Jahrzehnten, in denen das Aufenthaltsrecht tatsächlich restriktiver war.
Dazu kommen bürokratische Fallen, die selbst gut Informierte ins Straucheln bringen. Wer ein Haus oder eine Wohnung im Herkunftsland besitzt – oft wenig wert, aber vorhanden –, muss das beim Schonvermögen nachweisen. Aufwendig, zeitraubend, für ältere Menschen mit Sprachbarrieren oft schlicht unmöglich. Lahrmann nennt noch eine weitere Besonderheit: Viele ältere Migrantinnen und Migranten pendeln zwischen Deutschland und ihrem Herkunftsland, weil die deutsche Rente dort mehr wert ist. Und fürchten, dass Grundsicherung Auslandsaufenthalte ausschließt. Was pauschal nicht stimmt – aber niemand hat es ihnen erklärt.
Bürokratie und Sprachbarrieren sind ein Problem
Früher gab es sie: muttersprachliche Sozialberatungsdienste, die Gastarbeitern bei Rentenanträgen, Formularen und Behördengängen halfen – auf Türkisch, Italienisch, Serbokroatisch. Ab 2004 wurden diese Dienste abgebaut. Ersetzt wurden sie durch die sogenannten MBE-Beratungsstellen, die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte. Offiziell zuständig: nur für die ersten fünf Jahre nach der Einreise. Danach Verweis auf die Regelangebote – die aber kaum mehrsprachig sind. Das rächt sich nun.
„Seniorenbüros, Pflegeberatungen, Wohnberatungsstellen sind in den seltensten Fällen mehrsprachig gestaltet“, stellt der Landesintegrationsrat NRW fest. Informationsmaterial zu Altersvorsorge und Sozialleistungen kaum in anderen Sprachen. Ältere Menschen, die nie perfekt Deutsch gelernt haben – weil sie nie die Zeit hatten, weil die Kurse fehlten, weil sie dachten, sie würden irgendwann zurückkehren – stehen vor einer Wand.
Lahrmann von der Caritas NRW benennt fünf zentrale Barrieren, die er aus der Beratungspraxis kennt:
- Sprachbarrieren
- bürokratische Komplexität bei Erwerbsbiografien über mehrere Länder
- Informationsdefizite über zustehende Leistungen
- tiefes Misstrauen gegenüber Behörden
- Digitalisierung.
Online-Anträge sind zunehmend eine neue Hürde, an der immer mehr ins Straucheln geraten. Für ältere Menschen, die nie einen Computer benutzt haben, ist das keine Kleinigkeit. Es ist das Ende des Weges.
Altersarmut in NRW: Kein Migrationsproblem – ein Systemproblem
Es wäre einfach, diese Geschichte als Migrationsproblem zu erzählen. Als etwas, das mit Herkunft zu tun hat, mit Kultur, mit einer anderen Mentalität. Das wäre falsch. „Altersarmut bei Menschen mit internationaler Familiengeschichte ist kein ‚Migrationsproblem‘, sondern hat vor allem strukturelle Ursachen“, stellt der Landesintegrationsrat klar. Das Rentensystem belohnt lückenlose Erwerbsbiografien im Inland. Wer das nicht vorweisen kann – aus welchem Grund auch immer –, fällt durch.
Die Gastarbeitergeneration hat Deutschland in der Nachkriegszeit mit aufgebaut. Sie hat in den dreckigsten Jobs gearbeitet, hat Steuern und Rentenbeiträge gezahlt, hat Kinder großgezogen, die heute hier leben und einen Mehrwert für unsere Gesellschaft darstellen. Und sie hat gelernt, keine Ansprüche zu stellen. Das war damals vielleicht eine Tugend. Heute ist es eine Falle.
Die Beratungsangebote, die es gibt, sind nicht flächendeckend, oft projektfinanziert und damit nicht dauerhaft gesichert. Was fehlt, ist kein guter Wille – den gibt es, bei Caritas, bei Diakonie, bei den Integrationsagenturen. Was fehlt, ist ein System, das diese Menschen systematisch erreicht. Mehrsprachig. Niedrigschwellig. Vertrauenswürdig.
Die Rentnerinnen und Rentner, mit denen diese Redaktion sprechen wollte, haben sich nicht gemeldet. Vielleicht wissen sie nicht, dass es Hilfe gibt. Vielleicht trauen sie sich nicht. Vielleicht wollen sie einfach in Ruhe gelassen werden – nach einem Leben, in dem sie selten gefragt wurden, wie es ihnen geht. Und sie nur als Gäste wahrgenommen wurden, die eines Tages wieder gehen.
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