Grundsicherung im Alter

Kleine Renten in NRW: „Davon kann keiner mehr leben“ – So schlimm ist die Lage im Alter wirklich

Altersarmut kann jeden treffen. Ein Dortmunder Verein unterstützt bedürftige Rentnerinnen und Rentner in NRW. Neben Geldnot rückt dabei die soziale Isolation in den Mittelpunkt.

Wer sein Leben lang gearbeitet hat, sollte im Alter abgesichert sein. So lautet das Versprechen des deutschen Rentensystems. Doch für Hunderttausende Menschen in Nordrhein-Westfalen löst sich dieses Versprechen nicht ein. Die Zahlen sind alarmierend – und sie steigen.

Immer mehr ältere Menschen sind auf Hilfe angewiesen – wie hier auf die Seniorentafel des Vereins Seniorenglück aus Dortmund.

Hans Georg Schwarz, ehemaliger Unternehmer und Mitbegründer des Dortmunder Vereins Seniorenglück, der knapp 1.000 bedürftige Rentnerinnen und Rentner im Raum Dortmund betreut, bringt es im Gespräch mit wa.de auf den Punkt: „Meine Sekretärinnen haben vor 40 Jahren 1.200 DM netto verdient. Das war ein ganz normales Gehalt, da konnten die nach Malle fliegen. Heute kriegen sie unter 1.000 Euro Rente – davon kann keiner mehr vernünftig leben. Und das im Alter. Daran kann man dann auch nichts mehr ändern.“

Altersarmut in NRW: Wer ein Leben lang arbeitete hat trotzdem nicht genug

Ende 2025 bezogen 326.285 Menschen in NRW Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung – 1,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein bei der Grundsicherung im Alter zählte das Statistische Landesamt IT.NRW Mitte 2025 bereits 199.020 Empfängerinnen und Empfänger. Die Quote der über 66-Jährigen, die auf diese staatliche Unterstützung angewiesen sind, lag zudem 2024 in NRW bei 5,3 Prozent – und damit 1,2 Prozentpunkte über dem Bundesschnitt.

In den Großstädten ist die Lage noch dramatischer: In Köln und Düsseldorf bezieht bereits mehr als jede zehnte Person über der Altersgrenze Grundsicherung. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nehmen bundesweit rund 60 Prozent der Anspruchsberechtigten die Grundsicherung im Alter gar nicht erst in Anspruch – aus Unwissenheit, Scham oder wegen der bürokratischen Hürden. Hochgerechnet entspricht das etwa 625.000 Privathaushalten.

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Strand auf Koh Chang, Thailand
Touristen genießen den Strand und das türkisblaue Meer unterhalb der Burg Ruffo in Scilla, Kalabrien, Süditalien
Blick auf die von Bergen umgebene Bucht von Lindos, Griechenland
Strand der Insel Langkawi, Malaysia
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Altersarmut trifft aber bei weitem nicht nur Menschen, die nie gearbeitet haben. Sie trifft häufig genau jene, die jahrzehntelang in Vollzeit berufstätig waren. Ein Grund dafür ist auch, dass das Rentenniveau seit 1990 von 55 Prozent auf unter 48 Prozent des Durchschnittslohns gesunken ist. Wer in Niedriglohnberufen tätig war, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat, landet schließlich trotz langer Erwerbsbiografie oft unter der Armutsgrenze.

Frauen tragen das größte Risiko für Altersarmut

Und Frauen sind es, die in der Tat besonders stark betroffen sind. Bei der Grundsicherung im Alter stellen sie 58,1 Prozent der Leistungsbeziehenden. Die Gründe sind strukturell: Teilzeitarbeit, Erziehungszeiten, Pflege von Angehörigen – und Scheidung. Petra Jung, Sprecherin des Tafel Nordrhein-Westfalen e.V., des Dachverbands von 173 Tafel-Vereinen in NRW, beobachtet das täglich, wie sie im Gespräch mit wa.de sagt: „Wir rechnen mit einem Ansturm von mehr älteren Tafelbesuchern. Auf jeden Fall. Vor allem bei den weiblichen Betroffenen, weil Frauen viel häufiger in prekären Situationen gearbeitet haben. Das sind die Personen, die Angehörige gepflegt haben, die Kinder erzogen haben. Da sind wir thematisch auch bei Scheidung: Viele sind hinterher nicht mehr auf die Beine gekommen.“

Nicht nur geschiedene Frauen sind besonders gefährdet, auch Witwen. Jung erklärt: „Diese älteren Damen haben jetzt auch noch ein zusätzliches Problem – bekanntlich sterben Männer ja zumindest laut Statistik vor den Frauen – und dann kriegen sie zwar noch Rente von ihren Männern, aber das ist ja weniger. Witwen bekommen teilweise nur 60 Prozent und dann kommen sie nicht mehr so gut über die Runden.“

Der Ernst der Lage wird sofort im Portemonnaie sichtbar – hier herrscht am Ende des Monats oft gähnende Leere. Wer Grundsicherung bezieht, hat nach Abzug der Fixkosten kaum noch Spielraum. „Die haben dann tatsächlich noch so knapp 400 Euro zum Leben. Davon muss Gas bezahlt werden, Strom bezahlt werden“, schildert Schwarz vom Verein Seniorenglück die Realität vieler Betroffener.

Am Ende des Monats bleibt bei vielen Rentnern kein Geld übrig

Was dann noch übrig bleibt, reicht oft nicht einmal für das Nötigste. „Keiner, der normal wohlhabend ist, würde sich Gedanken machen müssen, ein Magnesium zu kaufen, damit die Muskeln sich entspannen. Das sind frei zugängliche Nahrungsergänzungsmittel. Das kriegen unsere Leute nicht hin“, meint auch Petra Jung von den Tafeln NRW und bestätigt damit die Beobachtungen von Schwarz.

Altersarmut ist zu allem Übel nicht nur ein finanzielles Problem. Sie isoliert. „Altersarmut macht einsam. Einsamkeit macht krank“, sagt Schwarz, der deshalb mit seinem Verein weit über Lebensmittelausgaben hinausgeht: monatliche Ausflüge, Kurzreisen, Gemeinschaft – alles für einen symbolischen Euro. Das hilft den Menschen – und immer mehr werden dieses Angebot wohl in Zukunft in Anspruch nehmen müssen.

Auch Petra Jung von den Tafeln NRW beschreibt diesen Teufelskreis: „Einzelschicksale, das ist das, was wirklich zählt. Da kenne ich die Rentnerin, die kaum über die Runden kommt und die letzte Woche im Monat nur noch 25 Euro übrig hat und nichts mehr unternimmt. Diese Rentnerinnen gehen nicht raus. Also Teilhabe, das ist ein großes, schwieriges Thema. Vereinsamung generell, es ist ein Teufelskreis.“

Wer gilt als von Altersarmut betroffen?

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat – aktuell zwischen 1300 und 1400 Euro im Monat. Wer darunterliegt und keine ausreichenden Ersparnisse hat, kann Grundsicherung im Alter beantragen. Die Deutsche Rentenversicherung erklärt dazu: „Als einfache Faustregel gilt: Wenn Ihr gesamtes Einkommen unter 1.101 Euro liegt, sollten Sie prüfen lassen, ob Sie Anspruch auf Grundsicherung haben.“

Wer dringend Hilfe benötigt, sucht sie aber nicht sofort. Viele Betroffene schweigen – aus Scham. Das haben Menschen, die von Altersarmut selbst betroffen sind, auch in Gesprächen mit wa.de bestätigt. „Es gibt noch das Riesenstigma“, bestätigt Petra Jung und schildert ein Bild, das sich einprägt: „Scham bei der Tafel – da gibt es wirklich Menschen, die steigen nicht einmal bei der Bushaltestelle vor der Tafel aus, sondern sie steigen eine Haltestelle davor oder dahinter aus, damit bloß keiner sieht, dass sie zur Tafel gehen müssen.“

Dabei ist Altersarmut längst kein Randphänomen mehr. Sie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – bei Menschen, die ein Leben lang gearbeitet, Steuern gezahlt und in die Rentenkasse eingezahlt haben. Und die jetzt, im Alter, nicht mehr wissen, wie sie die nächste Gasrechnung bezahlen sollen. Das Ehrenamt fängt an dieser Stelle auf, was der Staat fallen lässt.

Ehrenamtliche helfen Menschen, die von Altersarmut betroffen sind

Vereine wie Seniorenglück in Dortmund versuchen, die Lücken zu füllen. Doch auch ihre Ressourcen sind begrenzt. „Wir haben teilweise Zuwächse von 10 Prozent pro Monat bei der Seniorentafel. Wir wachsen locker um 100 Prozent im Jahr“, sagt Vereinsmitbegründer Hans Georg Schwarz. Doch die Spendenbereitschaft nehme eher ab – die Menschen wissen stellenweise selbst nicht mehr, wie sie ihren eigenen Kühlschrank füllen sollen. Inflation und steigende Preise treffen schließlich jeden, nicht nur Senioren.

Auch die Tafeln stehen unter Druck. Jung beschreibt das Dilemma: „Auch bei unseren Ehrenamtlern ist Alter ein Thema. Wir nehmen zahlenmäßig an Ehrenamtlern zu, aber die Stundenzahlen gehen runter, weil auch unsere älteren Ehrenamtler es nicht mehr so schaffen.“ Der Appell ist klar: „Wer ältere Menschen unterstützen will, der hilft uns Tafeln oder auch hier beim Landesverband, damit wir die Transportkosten eben für sechs Lkws und viele, viele hunderte weitere Lkw-Lieferungen bezahlen können, um weiter für Entlastung zu sorgen“, sagt Jung. Und auch Vereine wie Seniorenglück hoffen auf weitere Hilfsbereitschaft – denn ohne sie würde es von Altersarmut betroffenen Menschen in NRW noch schlechter gehen.

Rubriklistenbild: © Marvin K. Hoffmann

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