Altersarmut in NRW
Gisela Kargitter (82) hat kaum Geld in der Rente: „Alt werden ist nichts für Feiglinge“
Gisela Kargitter lebt im Alter von einer kleinen Rente und arrangiert sich damit. Kaum jemand in ihrem Umfeld weiß von ihrer Armut. Halt findet sie ausgerechnet an einem Ort, den sie „Lottogewinn“ nennt
Rosa Haare. Rote Ohrringe. Gestreiftes Shirt. Gisela Kargitter, 82 Jahre alt, betritt den Raum und bringt sofort Farbe rein. Sie setzt sich, lacht, und fängt an zu erzählen. Schnell wird klar: Diese Frau hat beschlossen, sich von nichts die Laune verderben zu lassen. Nicht von der Scheidung. Nicht von der kleinen Rente, die sie nur bezieht. Nicht von 82 Jahren, die ihre Spuren hinterlassen haben.
„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, sagt sie im Gespräch mit wa.de und lacht dabei. Es ist kein bitteres Lachen. Es ist das Lachen einer Frau, die weiß, wovon sie spricht – und die sich trotzdem entschieden hat, bunt zu bleiben.
Jahrelang selbstständig gearbeitet – und trotzdem arm
Kargitter hat gearbeitet. Jahrzehntelang als Selbstständige im Büro, sagt sie. Mehrere Urlaube im Jahr, Skifahren mit den Kindern, ein eigenes Einkommen – das war ihr Leben. Dann kam es zur ersten Zäsur.
„Mit 42 Jahren habe ich mich von meinem Mann getrennt. Und danach wusste ich das, als auf einmal meine Lebensversicherung nicht mehr vorhanden war. Da wusste ich: Das ist böse. Das kann man arbeitsseitig nicht mehr aufholen. Das geht nicht.“ Dazu kam ein Fehler, den sie als junges Mädchen gemacht hatte – und der sie Jahrzehnte später teuer zu stehen kam. Als sie heiratete, habe sie sich ihre Rentenversicherung auszahlen lassen. Fünf Jahre Beiträge – drei Lehrjahre, zwei Berufsjahre – weg. „Die fehlen jetzt“, sagt sie knapp. Keine Klage, nur Feststellung.
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Als sie mit 65 in Rente ging, wusste sie längst, was auf sie zukommt. „Ich wusste genau, was in die Rentenversicherung eingezahlt wurde. Das konnte ich mir selber ausrechnen.“ Sie hat es kommen sehen – und konnte es nicht verhindern. Also machte sie das, was sie am besten kann: die Situation annehmen und sich mit ihr arrangieren. Mit ihrem ganzen Frohsinn.
Der schwere Gang zum Sozialamt
Was dann kam, war trotzdem schwer. Nicht nur finanziell. „Ich musste dann natürlich den Gang machen – zum Sozialamt. Ganz schwer“, sagt sie und hält kurz inne. „Das war aus dem einfachen Grund schwer, weil ich hatte das große Pech, dass ich keine sehr einfühlsame Sozialarbeiterin hatte.“ Es ist einer der wenigen Momente im Gespräch, in denen das Lächeln nicht mehr bis in die Augen reicht und der Blick in die Ferne schweift, als würde sie plötzlich wieder vor dieser Sachbearbeiterin in einer staubigen Amtstube sitzen. „Also war das sehr, sehr schwer“, sagt sie, und schnell kehrt der verschmitzte Gesichtsausdruck zurück, die Augen leuchten wieder: „Aber ich habe es geschafft.“
Gisela Kargitter steht zu ihrer Armut. Dennoch weiß bis heute kaum jemand aus ihrem Bekanntenkreis davon. „Das ist ein Geheimnis“, sagt sie. Ein Zwinkern. Einmal habe sie es einer guten Bekannten erzählt. „Die ist vom Hocker gefallen.“ Kargitter zuckt die Schultern. „Wir leben in einer Gesellschaft, die ist ja in allem sehr oberflächlich. Da fragt doch keiner: Warum, wieso? Was für ein Schicksal dahinter steckt – das interessiert die nicht.“ So wie sie, sind viele andere Menschen in NRW von Altersarmut betroffen. Manchmal, sagt sie leise, fühle sie sich dabei „ein bisschen minderwertig“. Nur manchmal. Dann schaut sie auf und lächelt wieder.
Auch ihren Kindern gegenüber schweigt sie weitgehend. Nicht aus Schwäche – aus Stärke. „Möchten Ihre Eltern von Ihnen abhängig sein? Nein. Das sage ich als Mama auch. Dann verzichte ich lieber.“ Einmal haben ihre Kinder sie gefragt, wie sie sich so „klein stellen“ könne. Ihre Antwort hat sie nie vergessen. „Ich habe gesagt: Die Mama stellt sich nicht klein. Ich schaue in mein Portemonnaie – und danach kann ich meinen Lebensstandard aufbauen. So einfach ist das.“
Sie ist stolz darauf, wie sie das alles meistert. Und sie ist sich bewusst, dass ihre Kinder zuschauen. „Für meine Kinder bin ich ein Vorbild. Ich war vorher selbstständig – das war ein ganz anderer Lebensstil. Und dann hat die Mama mit 65 und dem Renteneintritt diesen totalen Fall gemacht. Und wie ich das gemeistert habe – das sehen meine Kinder.“
Kargitter macht sich keine Illusionen über ihre Lage. Sie beschreibt sie klar, ohne Umschweife. „Es fängt an beim Kleid. Es fängt an beim Medikament. Es wird nur preiswert gekauft. Und von den anderen Sachen kann man träumen und sie in Zeitschriften nachlesen. Das kann man sich nicht erlauben. Absolut nicht.“ Essen gehen, ins Café, ein Urlaub – das geht nicht. „Man ist wirklich ein bisschen gehemmt, an allem teilzunehmen – weil das Geld nicht reicht.“ Sie sagt das ohne Dramatik. Es ist einfach so. Und doch: „Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Wenn ich hier sitze und nette Gespräche habe – das ist schön.“ Sie meint das ernst.
Ehrenamtliche Helfer sind „wie ein Lottogewinn“ für Rentner
Zum Verein Seniorenglück kam sie über die reguläre Tafel. Was sie dort gefunden hat, beschreibt sie in einem einzigen Satz: „Das hier – für uns mit so einem desolaten Einkommen – ist wie ein Lottogewinn.“ Die Fahrten, die Gemeinschaft, das Gefühl, dazuzugehören – das ist es, was ihr Halt gibt. Neben dem Verein ist es die Kirchengemeinde, in der sie aktiv ist. Einsamkeit kennt sie kaum. „Jeder ist auch selbst für sich verantwortlich“, sagt sie.
Und sie meint damit auch sich selbst. Rosa Haare, rote Ohrringe, verschmitzter Blick. Gisela Kargitter, 82, hat sich entschieden: Sie bleibt bunt. Was auch immer kommt.
Rubriklistenbild: © Marvin K. Hoffmann
