Altersarmut in NRW
Rentner Ralf Scharnowski (68) muss jeden Cent umdrehen: „Was ist aus Deutschland geworden?“
Ralf Scharnowski, 68, lebt in Dortmund von Rente und Witwenrente. Halt findet er auf seiner Parzelle am Möhnesee. Zu Hause bleibt die Angst vor der nächsten Abrechnung.
Wenn Ralf Scharnowski vom Möhnesee erzählt, verändert sich sein Gesicht. Die Anspannung weicht, die Augen bekommen einen anderen Glanz. „Zu Hause in der Wohnung – da werde ich bekloppt“, sagt er im Gespräch mit wa.de. Aber dort draußen, auf seiner 80 Quadratmeter großen Parzelle mit Pavillon und selbst gelegten Steinplatten, dort ist er noch er selbst. Dort kennen ihn alle. Dort hat er keine Schulden, keine Formulare, keine Angst vor der nächsten Nebenkostenabrechnung.
97 Euro zahlt er jeden Monat für den Stellplatz. Für einen Mann, dem nach allen Fixkosten noch knapp 400 Euro bleiben, ist das kein kleiner Betrag. Immer wieder überlegt er, ob er kündigen soll. Immer wieder stimmen ihn die anderen Camper um und reden auf ihn ein. „Die sagen: Wenn du da bist, geht es dir wieder besser.“ Er hört auf sie. Noch.
Ralf Scharnowski ist von Altersarmut betroffen – ein Verein hilft ihm
Ralf Scharnowski, 68 Jahre alt, weißes Haar, schlichte Brille, dunkles Sweatshirt, sitzt in einem Gemeindehaus in Dortmund und wartet, bis seine Nummer für die Seniorentafel des Vereins Seniorenglück an der Reihe ist. Er ist ein offener Mensch. Er redet schnell. Er entschuldigt sich dafür. Dann redet er weiter. Es liegt vieles auf der Seele, das raus will.
Er hat Schlosser gelernt. Später arbeitete er als Kommissionierer bei Aldi, schleppte Waren, schonte seinen Rücken nicht. Die letzte Station war Amazon. Auch hier war viel körperliche Arbeit gefragt. Er hat ordentlich malocht, sagt er. Verlängert wurde der Vertrag trotzdem nicht. Sein Körper hat gezahlt. Sein Rentenkonto auch. Jahrelange körperliche Arbeit, Niedriglohn – und trotzdem zu wenig am Ende. Der Mann aus Dortmund ist von Altersarmut betroffen – wie so viele Menschen in NRW.
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Dann wieder einer dieser Sprünge im Gespräch mit Scharnowski. Ihm brennt so vieles auf der Seele, dass er eine Sache manchmal nicht zu Ende erzählt, ehe er die nächste beginnt. Seinen Wohnwagen am Möhnesee habe er übrigens geschenkt bekommen, sagt er plötzlich. Eine Bekannte aus Gelsenkirchen gab demnach nach 30 Jahren ihren Platz auf. „Wenn du mir den Platz leer machst, schenke ich dir den Wohnwagen“, habe sie gesagt. Er musste nur die Hälfte der Kosten für den Container dazulegen. „Für 200 Euro kriegst du keinen Wohnwagen“, sagt er und lächelt dabei. Einer der wenigen Momente, in denen er lächelt.
„Ich sollte vor zwei Jahren schon in Rente gehen, aber dann hätten sie mir 14 Prozent abgezogen. Und da habe ich gesagt: Ich schenke Vater Staat kein Geld.“ Also machte er weiter, so lange er konnte. Als er dann in Rente ging, kam der nächste Schock. Wie viel plötzlich übrig blieb? „Viel weniger – sehr viel weniger.“ Eine Last, die er nun alleine tragen muss.
Jahrelang hat er seine Frau gepflegt – dann starb sie
Wenn Scharnowski von seiner Frau spricht, kommen ihm kurz die Tränen. Er entschuldigt sich auch dafür. Er muss es nicht.
Rund vier Jahre lang hat er sie gepflegt. Gebärmutterhalskrebs. „Ich weiß, was das heißt“, sagt er, und in diesem Satz steckt mehr, als er ausspricht. In dieser Zeit hatte er nach eigenen Angaben noch 2.300 Euro netto von Amazon, dazu über 700 Euro Pflegegeld. Ein Leben zu zweit, das trotz allem funktionierte. Dann war sie weg.
Was folgte, war nicht nur Trauer. Es war auch bürokratisches Chaos. Mit dem Pflegeheim seiner Frau gab es nach eigenen Angaben Probleme, eine Flut aus Anträgen überschwemmte ihn. Und dann: Depressionen. „Durch den Todesfall, durch den Papierkram.“ Er lebt allein in Dortmund-Wickede, einem Stadtteil im Osten von Dortmund. „In Wickede ist es so einsam. Wie am Friedhof, wo ich wohne. Man hört und sieht nichts. Als wenn Einöde wäre.“
Dann kreisen die Gedanken, wenn er alleine ist. Er denkt dann an seinen Vater, der drei Jahre nach seiner Mutter gestorben war. Herzprobleme, Liebeskummer, wie auch immer. Scharnowski winkt ab. „Und ich habe gedacht: Vielleicht passiert dir das auch“, sagt er. Aber er ist noch hier. Er lebt.
400 Euro – und dann kommt die Gasrechnung
Heute bezieht Scharnowski Witwenrente und eigene Rente. Nach Fixkosten – Miete, Strom, Gas, alles zusammen rund 900 Euro – bleiben ihm knapp 400 Euro im Monat, wie er sagt. Davon lebt er. Woche für Woche, Monat für Monat. Das Geld ist immer knapp.
Altersarmut in NRW
Ende 2025 bezogen 326.285 Menschen in Nordrhein-Westfalen Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung – 1,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein bei der Grundsicherung im Alter waren es Mitte 2025 bereits 199.020 Personen. 5,3 Prozent der über 66-Jährigen in NRW sind damit auf staatliche Unterstützung angewiesen – und damit deutlich mehr als im Bundesschnitt. Besonders betroffen: Frauen, die 58,1 Prozent der Leistungsbeziehenden stellen. Das aus Zahlen von IT.NRW hervor. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer: Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nehmen bundesweit rund 60 Prozent der Anspruchsberechtigten die Grundsicherung im Alter gar nicht erst in Anspruch – aus Scham, Unwissenheit oder wegen bürokratischer Hürden.
Er hat gelernt, jeden Cent umzudrehen. Tee trinkt er schon längst nicht mehr in einem Café – „2,20 Euro für einen Beutel, das geht nicht – bei Aldi bekomme ich dafür ein ganzes Paket und kann mir 50 Tees kochen davon“. Und seinen Kühlschrank hat er manchmal einfach abgeschaltet. Im Winter stellt er die Lebensmittel auf den Balkon. Das Ergebnis: 310 Euro Guthaben auf der Stromrechnung. „Das sind alles so Sachen, die man dann macht“, sagt er, ohne Bitterkeit. Eher mit dem Stolz eines Mannes, der noch immer Lösungen findet.
Auf die Nebenkostenabrechnung wartet er trotzdem mit Angst. „Die würden mir das übernehmen“, sagt er und meint den Verein Seniorenglück, der nicht nur Lebensmittel ausgibt, sondern auch Heizkosten übernehmen würde, wenn es nicht anders geht. „Das macht sonst keiner. Da musst du kämpfen.“ Über den Verein kam auch der Kontakt zu Scharnowski für dieses Gespräch zustande. Es scheint ihm gutzutun, seine Lebensgeschichte mit anderen zu teilen.
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Eine Sozialarbeiterin habe ihm von Seniorenglück erzählt. Seitdem kommt er regelmäßig. Lebensmittel, Ausflüge, Kurzreisen – alles für einen symbolischen Euro. Und vor allem: Menschen. Gespräche. Ablenkung. „Hier habe ich Unterhaltung, hier komme ich ein bisschen klar und treffe Leute“, sagt er. „Der Verein ist top hier. Und alle sind freundlich. Das kann ich gar nicht anders sagen.“
Zu Hause wartet die Katze seiner Nachbarin auf ihn. Und manchmal besucht er Michaela, die Besitzerin der Katze, die selbst Erwerbsminderungsrente bezieht. „Wir überlegen, ob wir vielleicht zusammenziehen – dann würden wir Kosten sparen“, sagt er. Und sie könnten füreinander da sein. Zwei Menschen, die sich gegenseitig stützen, weil das System es offenbar längst nicht mehr tut.
Am Ende des Gesprächs zeigt Scharnowski auf seinem Handy noch eine Sendung, die er aufgenommen hat. Bayern 3, Titel: „Stolperstein – Einsamkeit kann töten. Wege aus der Isolation.“ Er hat sie sich angeschaut. Er identifiziert sich damit.
Dann sagt er noch einen Satz, ruhig, ohne große Geste: „Wenn ich den armen Rentner sehe, wie der Flaschen sammelt – dann frage ich mich: Was ist aus Deutschland geworden?“
Rubriklistenbild: © Marvin K. Hoffmann
