Serie „Arm im Alter“

Mehr als 30 Jahre gearbeitet: Rentnerin hat nur 300 Euro zum Leben

Trotz zweier Berufsabschlüsse reicht die Rente kaum. Die 68-Jährige aus Bönen versucht das Beste aus der Situation zu machen.

Die Kinder erzogen, den Haushalt geschmissen und gearbeitet: Trotzdem reicht es am Ende nicht. Vor allem Frauen sind im Alter oft von Armut betroffen. Doch wie sind sie in diese Situation gekommen? Und wie lebt es sich nur mit dem Notwendigsten? Vier Frauen aus Bönen sprechen in dieser Serie ganz offen darüber. Lydia Löwenstein erzählt dieses Mal, wie sie trotz vieler Berufsjahre mit wenig Rente auskommen muss.

Lydia Löwenstein hat zwei Ausbildungen abgeschlossen und lange gearbeitet. Als Rentnerin muss sie dennoch knapsen.

Sie hat einen Gesellen- und einen Facharbeiterbrief, auch mit Kindern fast immer gearbeitet. Und doch reicht ihre Rente nur knapp. Ohne Unterstützung von ihrer Familie und von der Tafel käme Lydia Löwenstein kaum über die Runden, wie sie berichtet.

Lydia Löwenstein aus Bönen hat nur 300 Euro zum Leben

Jetzt muss die 68-Jährige auch noch Wohngeld zurückzahlen – 900 Euro, die sie bis November abstottern will. Seit ihr Sohn wieder bei ihr eingezogen ist, hat die Bönenerin keinen Anspruch mehr auf diese Leistung. Das Sozialamt geht davon aus, dass der 30-Jährige sich finanziell an den Wohnkosten beteiligt. Das kann er zurzeit aber nicht, gibt Lydia Löwenstein an. Und natürlich hilft sie ihm.

Mit ihrem Sohn lebt sie auf 58 Quadratmetern im Altbau. Mehr als 500 Euro zahlt sie dafür, inklusive Nebenkosten. Das ist fast die halbe Rente.

Auto und Hund: Beides muss sein

Rund 1200 Euro bekommt die Bönenerin jeden Monat ausgezahlt. Das ist das, was sie sich seit 1973 erarbeitet hat. Nicht viel für ein ganzes Berufsleben. Und es muss für Miete, Strom, Heizung und Wasser reichen, für Fernsehen, Internet und Telefon. Dazu kommen Versicherungen, Kfz-Steuern und Benzin. Zum Glück übernimmt Lydia Löwensteins Bruder die Autoversicherung und anfallende Reparaturen am Pkw. Sonst blieben der Rentnerin weniger als die knapp 300 Euro, die sie in vier Wochen ausgeben kann.

Auf das Auto verzichten will sie nicht. „Meine Mutter ist fast 86 Jahre alt und lebt in Fröndenberg. Da muss ich schon hinkommen.“ Und von ihrer Hündin will sie sich ebenso keinesfalls trennen, obwohl das Tier natürlich einige Kosten verursacht. „Wir haben sie mit der Flasche aufgezogen, ich kann sie doch nicht weggeben. Da spare ich lieber woanders.“ Der Hund – das ist Familie. Und Lydia Löwenstein hat fast immer Hunde gehalten, sie gehörten einfach zu ihr, wie sie sagt.

Secondhand steht nicht dran

„Ich hatte nie viel Geld und komme damit klar.“ Die Bönenerin macht das Beste aus ihrer Situation. Sie kann sich sogar einen Urlaub mit der Familie in einem Ferienzentrum an der Ems leisten, wenn sie das Jahr über knapst. „Ich bin ein großer Fan von Secondhand-Läden“, erzählt sie. Fast alle Möbel in ihrer kleinen Wohnung hat sie gebraucht gekauft, ihr Kleiderschrank ist mit Hosen, Pullovern und Co. aus zweiter Hand gefüllt. „Weder an Möbeln noch an Kleidung steht dran, dass sie gebraucht sind“, so die 68-Jährige. Sie zu kaufen, helfe ihr enorm beim Sparen, nachhaltig sei es obendrein.

1200 Euro mit zwei Gesellen- und einem Facharbeiterbrief, für fast 40 Jahre Arbeit mit und ohne Kinder: Das finde ich einfach traurig.

Lydia Löwenstein bekommt derzeit keine Unterstützung

Dass sie als Tafelkundin regelmäßig Lebensmittel bekommt, macht ihr das Leben gleichfalls leichter. „Ich bin froh, dass es die Tafel gibt. Ich habe dort bisher nur gute Ware bekommen, nichts Schlechtes. Wenn ich mal sehe, dass sich das Obst oder Gemüse nicht mehr lange hält, verarbeite ich es sofort. Ich nehme auch nur das mit, was ich für die Woche brauche“, erklärt sie. Auf keinen Fall möchte sie Lebensmittel wegschmeißen. „Das habe ich von meiner Oma gelernt.“

Den perfekten Beruf gefunden

Außerdem hat Lydia Löwenstein von zu Hause mitgenommen, dass angepackt wird. Sie ist auf einem Bauernhof groß geworden, hat nach der Schule Friseurin gelernt. „Eigentlich wollte ich Maskenbildnerin werden. Doch dafür hätte ich nach München gehen müssen, und das war damals nicht möglich für mich.“ Die seinerzeit 18-Jährige fand eine gute Alternative: „Durch Zufall habe ich gesehen, dass bei uns in Fröndenberg ein Sanitärmonteur gesucht wurde. Das klang interessant, und ich bin einfach hingegangen.“ Den Chef musste sie erst überzeugen, dass sie als Frau dafür geeignet ist. „Und dann war es der Beruf schlechthin für mich.“

Insgesamt fast 22 Jahre war sie in dem Betrieb angestellt. Zwischendurch wurde sie schwanger, 1991 kam ihre Tochter zur Welt. Nach der Geburt blieb Lydia Löwenstein drei Jahre lang zu Hause, danach kehrte sie in den Job zurück. Als 1996 ihr Sohn geboren wurde, wollte sie es genauso halten. Doch da wurde ihre Tochter eingeschult, Arbeits- und Schulzeiten passten nicht zusammen. Ein Ganztagsangebot, wie es heute Familien gemacht wird, gab es damals nicht. Und so musste die zweifache Mutter ihre Arbeit aufgeben.

Mit 66 Jahren in die Rente

Während sie hauptsächlich die Familie versorgte und zwischendurch einige Teilzeitjobs annahm, ging es mit ihrer Ehe bergab. „Mein Ex-Mann war Alkoholiker“, berichtet die Bönenerin. „Es war die Hölle auf Erden.“ 2008 beschloss sie, dieser Hölle zu entkommen. Sie trennte sich von ihrem Mann, begann mit den Kindern ein neues Leben. Unterhalt bekam sie von dem Hartz-IV-Empfänger nicht.

Die Serie

Die Kinder erzogen, den Haushalt geschmissen, gearbeitet: Trotzdem reicht es am Ende nicht. Vor allem Frauen sind im Alter oft von Armut betroffen. Doch wie sind sie in diese Situation gekommen? Und wie lebt es sich nur mit dem Notwendigsten? Vier Frauen aus Bönen sprechen in dieser Serie ganz offen darüber. Lydia Löwenstein erzählt dieses Mal, wie sie trotz vieler Berufsjahre mit wenig Rente auskommen muss.

Teil 1: Marlies – Ohne Ausbildung wenig Rente
Teil 2: Lydia – Lange gearbeitet, trotzdem reicht es kaum
Teil 3: Petra – Zurück in die Armut
Teil 4: Karola – Kleines Gehalt, wenig Altersvorsorge
Teil 5: Warum Frauen so oft von Armut betroffen sind –
Das sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

Sie selbst war zunächst ebenfalls auf die Sozialleistungen angewiesen, fand aber 2011 eine Stelle in einer Fabrik in Unna. Bis 2024 blieb sie dort und ging mit 66 Jahren in die reguläre Altersrente.

„1200 Euro mit zwei Gesellen- und einem Facharbeiterbrief, für fast 40 Jahre Arbeit mit und ohne Kinder: Das finde ich einfach traurig“, sagt Lydia Löwenstein.

Die Kunstwelt schaut auf die Arbeit von Maike Steinkamp. Die Bönenerin, die es nach Berlin zog, ist Kuratorin an der Neuen Nationalgalerie. Dort wurde gerade eine bedeutende Ausstellung eröffnet, die ihre Handschrift trägt.

Rubriklistenbild: © Robert Szkudlarek

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare