Kultur
Ganz nah an den großen Werken: Aus Bönen in die Welt der Kunst
Die Kunstwelt schaut auf die Arbeit von Maike Steinkamp. Die Bönenerin, die es nach Berlin zog, ist Kuratorin an der Neuen Nationalgalerie. Dort wurde gerade eine bedeutende Ausstellung eröffnet, die ihre Handschrift trägt.
Ihre Kinder sagen, der Beruf sei ihr Hobby. „Für mich ist es einfach das, was mir Spaß macht“, sagt Maike Steinkamp. Wenn sie Constantin Brâncușis glänzende Skulptur „Schlafende Muse“ betrachtet, liegen in Steinkamps Blick zugleich Bewunderung, Faszination und Respekt. Bewunderung und Faszination für Brâncușis Umgang mit Form und Abstraktion, Respekt vor dem Gesamtwerk des rumänisch-französischen Bildhauers (1876 – 1957). An der Neuen Nationalgalerie Berlin gehört die gebürtige Bönenerin Maike Steinkamp zum Kuratorenteam, das mit der Ausstellung „Brancusi“ dessen Ausnahmewerk erstmals seit 50 Jahren einem deutschen Publikum zugänglich macht. Die Kunstwelt schaut nach Berlin und damit zugleich auf Steinkamps Arbeit.
„Diese Ausstellung hat für mich persönlich etwas von ,once in a lifetime‘“, sagt Steinkamp. Eine Gelegenheit also, die sich nicht so häufig auftut. Sagt eine, die seit 2018 viele Spuren an der Potsdamer Straße 50 hinterlassen hat. Seit acht Jahren ist Steinkamp Kuratorin an dem 1968 eröffnete Bau. Kuratiert im Team hat sie unter anderem die Ausstellung „Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin“, zuletzt „Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus“ (bis 8. April) und die umfassende deutsch-deutsche Schau „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft“ (bis Ende April 2027).
Mit Fritz Winter in Bönen und Berlin
Mit Kunst ist Steinkamp im Elternhaus schon früh in Berührung gekommen. Namen wie Wolfgang Fräger oder Fritz Winter gehörten in dem Wohn- und Geschäftshaus Standop in der Bahnhofstraße quasi zum Lebensalltag. „Meine Mutter hat mich früh mitgenommen in Ausstellungen. Nach Essen, Unna, Opherdicke oder Cappenberg“, sagt Steinkamp. „Es war ganz normal, dass wir kulturelle Ereignisse in der Region besucht haben.“ Dass sie einmal in der Neuen Nationalgalerie die Labelaufschrift zu Fritz Winters Geburtsort von „Altenbögge“ in das etwas größere „Bönen“ ändern würde, lag damals allerdings weitab jeder Vorstellungskraft.
Ihre berufliche Karriere sei nicht durchgeplant gewesen, sagt die 51-Jährige. Zwar habe sie immer nach Berlin gewollt und absolvierte dort schon Anfang der 2000er Jahre auch ein zweijähriges Volontariat beim Deutschen Historischen Museum, doch der berufliche Weg in die Hauptstadt und zur Neuen Nationalgalerie sei gar nicht so konsequent gewesen.
Steinkamp studierte Kunstgeschichte in Bonn. Immer wieder habe sie Praktika gemacht, eines ganz am Anfang auch im Hammer Gustav-Lübcke-Museum. In Bonn war sie Projektassistentin in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Sieben Jahre lang forschte und lehrte sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg, danach arbeitete sie bis 2018 fünf Jahre als Kustodin für die Stiftung Arp e.V. in Berlin.
Und seit März 2018 die Neue Nationalgalerie: „Ich bin an einem der wichtigsten und schönsten Museen in Deutschland beschäftigt und darf mit Künstlerinnen und Künstlern von Weltruhm zusammenarbeiten“, sagt Maike Steinkamp. „Es ist ein absolutes Privileg, ihre Arbeiten so nah sehen zu können. Für mich habe ich meinen Traumberuf gefunden.“
„Mehr als Bilder an die Wand hängen“
Aber was macht eigentlich eine Kuratorin? „In jedem Fall mehr als Bilder an die Wand hängen“, sagt sie und lacht. Was also noch? Zum Beispiel die Sammlung betreuen und schauen, wo es Sinn habe, bei knappem Etat neue Werke anzuschaffen. „Es sind zu wenige Künstlerinnen vertreten“, sagt Steinkamp. Zu den Aufgaben gehöre es folglich auch, Unterstützer und Geldgeber zu finden. Ebenso viel Organisatorisches: Konzepte erarbeiten, Werklisten erstellen für kommende Ausstellungen, Leihbriefe für Exponate schreiben, Kataloge planen und reisen natürlich. Wie zuletzt für die Brâncuși-Ausstellung nach Rumänien. Um in den künstlerischen und historischen Kontext einzutauchen, wie sie sagt. Oder zur Biennale nach Venedig, um das Gefühl für Aktuelles zu bewahren.
Und nicht zuletzt habe ein Museum immer einen Bildungsauftrag. „Der Zugang muss niederschwellig sein“, sagt Steinkamp. „Orte, an denen es um Kunst und Kultur geht, sollten Orte sein, an denen man Lust hat, sich aufzuhalten. Und wenn es auch erst einmal nur für einen Kaffee ist.“ Zwar erfordere der Umgang mit Kunst Respekt, doch man müsse diese Orte auch „normalisieren“. Sie sei froh, dass es einen kostenfreien Donnerstagnachmittag im Monat gebe, denn der Eintrittspreis in Museen sei für viele eine Hürde.
„Ein Wert in Zahlen ist für mich nachrangig“
Rund 52 Millionen Euro erzielte Brâncușis „Schlafende Muse“ 2017 bei einer Auktion bei Christie‘s in New York. Man bekommt also was zu sehen für sein Geld? „Natürlich müssen wir um Werte wissen und damit entsprechend umgehen“, sagt Steinkamp. „In der Betrachtung der Kunst ist ein Wert in Zahlen für mich aber nachrangig. Ich finde auch Arbeiten toll, die keine derartigen Verkaufspreise erzielen. Auf keinen Fall wollen wir vermitteln, dass Arbeiten aufgrund ihres Preises automatisch gut sind.“
Die ebenfalls aktuelle Sammlungsausstellung „Zerreißprobe“ spiegelt einen der Arbeitsschwerpunkte Steinkamps wider: die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, speziell unter dem Gesichtspunkt deutsch-deutscher Geschichte. Werke der ehemaligen Nationalgalerie Ost und West finden hier zusammen. Die deutsch-deutsche Geschichte sei ihr ein besonderes Anliegen, so Steinkamp. „Es tun sich spannende Fragen auf“, sagt sie. „Zum Beispiel, warum in Ost und West auf eine jeweils bestimmte Art gesammelt wurde.“ In einer frühen Publikation hat sie sich mit der Rezeption „entarteter“ Kunst in der ehemaligen DDR beschäftigt. Ein Thema, das sie stets begleitet und zu dem sie ihre Doktorarbeit geschrieben hat.
„Bönen ist auf jeden Fall noch Heimat“
Und was hängt bei Maike Steinkamp zu Hause an der Wand? „Einfach, was wir schön finden“, sagt sie. Darunter seien grafische Arbeiten, zum Beispiel von Hans Arp, und Jahresgaben von Fördervereinen von Museen von unterschiedlichen Künstlern. „Also nichts von astronomischem Sammlerwert.“
Bönen, Bonn, Berlin: Die kleinste der drei Lebensstationen spiele nach wie vor eine bedeutende Rolle für sie. „Bönen ist auf jeden Fall noch Heimat für mich, dort leben meine Mutter und mein Bruder, und dort stehen das Haus und der Betrieb, in dem ich aufgewachsen bin.“ In Bönen besuchte sie die Goetheschule, und von hier aus pendelte sie später nach Unna zum Geschwister-Scholl-Gymnasium. Nach wie vor treffe sie sich regelmäßig mit ihren Freundinnen aus der Schulzeit. Und dann ist da ja noch das Museumsetikett zu Fritz Winter in der Neuen Nationalgalerie...
