Serie: Arm im Alter
Knapp 1000 Euro Rente: „Dann ist man auch ein Nichts“
Ohne Ausbildung und mit zu wenig Berufsjahren muss die 81-jährige Marlies aus Bönen heute mit einer kleinen Rente auskommen. Die Tafel hilft ihr beim Sparen.
Der größte Fehler in ihrem Leben? Dass sie nie einen Beruf erlernt hat. Das ist dabei recht typisch für Frauen ihrer Generation. Marlies, ihren Nachnamen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Wer in den 1950er Jahren eine bessere Schulbildung wollte, der musste dafür bezahlen. Für seinen Sohn wollte ihr Vater das gerne investieren. Ihn schickte er auf das Gymnasium. Und die Tochter? „Mädchen brauchen keinen Beruf, die heiraten und kriegen Kinder“, machte er ihre Träume von einer Arbeit im Büro zunichte. Bis zu ihrer Hochzeit mit 22 Jahren blieb Marlies so auf dem elterlichen Bauernhof, packte kräftig mit an – ohne Lohnsteuerkarte, versteht sich. Sie wurde schnell Mutter, blieb weiter zu Hause.
Ein Leben lang gearbeitet – trotzdem reicht die Rente nicht: „Dann ist man auch ein Nichts“
Als ihre Kinder zur Schule gingen, verdiente Marlies stundenweise als Putzfrau etwas zum Familienunterhalt dazu – wieder nicht auf Lohnsteuerkarte. Dann, nach 20 Jahren, scheiterte ihre Ehe.
Nach der Trennung auf sich gestellt
Für die Kinder bekam sie Unterhalt von ihrem Ex-Mann, für sich selbst nicht. „Da musste ich arbeiten“, erzählt die heute 81-Jährige. Doch als was? Die Frage „Was haben Sie gelernt?“, konnte sie ja nur mit „nichts“ beantworten. „Und dann ist man auch ein Nichts“, sagt Marlies.
Sie nahm Aushilfsjobs an. Viel Geld gab es dafür nicht und natürlich keine Altersvorsorge. Irgendwann hatte sie Glück: In dem Großhandel, in dem sie inzwischen als Kommissioniererin arbeitete, wurde eine Aushilfe im Büro benötigt. Sie sprang ein, machte ihre Arbeit so gut, dass sie übernommen wurde. „Ich habe mich hochgearbeitet und bin als Ungelernte doch noch kaufmännische Angestellte geworden“, erzählt die Seniorin stolz.
20 Jahre lang arbeitete sie in der Firma und endlich auch für ihre Rente. Das ist eine lange Zeit, aber nicht lange genug, um im Alter gut versorgt zu sein. „Zumal mein Job gegenüber den Männern schlechter bezahlt war“, hat Marlies die noch immer bestehende Lohnungerechtigkeit erlebt.
Oft wird es richtig knapp
Heute bekommt sie keine 1000 Euro Rente. Knapp die Hälfte davon zahlt sie für ihre Einzimmer-Wohnung. Dazu kommen Stromkosten, Telefon, Fernsehen, Versicherungen. Aufgestockt wird ihr schmales Einkommen mit Wohngeld. Es reicht gerade so. „Wenn ich gut wirtschafte, habe ich 20, vielleicht mal 50 Euro am Monatsende übrig“, gibt die Bönenerin an. Immer gelingt ihr das nicht. Werden mal neue Schuhe fällig, wird es richtig knapp. Dabei ist Marlies bescheiden. „Mit meiner Kleidung gehe ich sparsam um. Ich schmeiße selten etwas weg. Und ich gehe nicht groß aus, ich brauche nicht viel.“
Essen gehen – das würde mich schon interessieren. Aber ich weiß, dass das nicht geht, und das ist in Ordnung für mich.
In den Urlaub gefahren ist sie nie, schon früher nicht. Ab und zu gönnt sie sich eine Tasse Kaffee im Ort, im Sommer ein Eis. „Essen gehen – das würde mich schon interessieren. Aber ich weiß, dass das nicht geht, und das ist in Ordnung für mich“, sagt die 81-Jährige. Stattdessen geht sie spazieren, plaudert mit Nachbarn und Bekannten oder bummelt durch die Geschäfte. „Ich kann in einen Laden gehen, ohne etwas zu kaufen.“ Das mache ihr nichts aus.
Dankbar für die Hilfe der Tafel
Eine große Hilfe ist für sie das Angebot der Tafel. Dort kann sie sich gut mit Lebensmitteln versorgen und spart viel Geld. „Dafür bin ich sehr dankbar.“ Anfangs habe sie sich dafür allerdings geschämt. Das ist jetzt anders: „Ich nehme niemandem etwas weg. Und es werden viel zu viele Lebensmittel weggeschmissen.“ Um das zu verringern, wurde die Tafel schließlich gegründet.
Das Einzige, was Marlies wirklich vermisst, ist ein Auto. „Das kann ich mir nicht mehr leisten, und ich bin wirklich gerne Auto gefahren.“ Zum Glück wohnt sie zentral im Ort, kann fast alles zu Fuß erledigen. „Bewegung ist wichtig im Alter“, sieht sie darin etwas Gutes. Und überhaupt: „Ich bin zufrieden mit meinem Leben.“
Die Serie
Die Kinder erzogen, den Haushalt geschmissen und gearbeitet: Trotzdem reicht es am Ende nicht. Vor allem Frauen sind im Alter oft von Armut betroffen. Doch wie sind sie in diese Situation gekommen? Und wie lebt es sich nur mit dem Notwendigsten? Vier Frauen aus Bönen sprechen in dieser Serie ganz offen darüber. Den Anfang macht Marlies.
Teil 1: Marlies – Ohne Ausbildung nur wenig Rente
Teil 2: Lydia – fast immer gearbeitet, trotzdem reicht es kaum
Teil 3: Petra – Zurück in die Armut
Teil 4: Karola – kleines Gehalt, wenig Altersvorsorge
Teil 5: Warum Frauen so oft von Armut betroffen sind –
Das sagt die Gleichstellungsbeauftragte
Die Zahl der Wohnungssuchenden im Kreis Unna hat sich verdreifacht. Besonders dramatisch ist die Lage für Menschen mit Behinderung.
Rubriklistenbild: © Robert Szkudlarek
