Wohnungsnot im Kreis Unna
Acht Jahre im Bett der Mutter: Barrierefreie Wohnungen fehlen
Die Zahl der Wohnungssuchenden im Kreis Unna hat sich verdreifacht. Besonders dramatisch ist die Lage für Menschen mit Behinderung.
Acht Jahre lang teilte ein Rollstuhlfahrer Wohnung und Bett mit seiner Mutter. Schlicht, weil es keine passende, bezahlbare Wohnung für ihn gab. Erst 2022 konnte der Mann, der sich bereits 2014 an die Wohnberatung im Kreis Unna gewandt hatte, eine eigene Wohnung beziehen. Sein Fall steht stellvertretend für eine Entwicklung, die sich im Kreis Unna seit Jahren zuspitzt und laut Experten noch dramatischer werden wird.
Die Zahlen sind eindeutig. Der Masterplan Wohnungsbau des Kreises Unna zeigt: 41 Prozent der Haushalte im Kreis sind Einpersonenhaushalte, auf jede kleine Wohnung unter 60 Quadratmetern kommen derzeit zwei Singlehaushalte. Zwischen 2013 und 2022 sank die Zahl der geförderten, mietpreis- und belegungsgebundenen Wohnungen um 21 Prozent.
Bis 2030 werden 46 Prozent der heute noch preisgebundenen Wohnungen aus der Bindung fallen. Besonders hart trifft das Alleinstehende sowie Menschen mit Pflegebedarf oder Behinderung und geringem Einkommen.
Erschütternde Schicksale berühren
Die Wohnberatung im Kreis Unna spürt diese Entwicklung unmittelbar. „Hatten wir 2016 noch kreisweit 47 Wohnungssuchende pro Jahr, so ist die Anzahl 2025 auf 134 gestiegen“, sagt Beraterin Brigitte Sawall. Das sei kein lokales Phänomen: Auch andere Wohnberatungsstellen in NRW meldeten ähnliche Entwicklungen.
Was hinter den Zahlen steckt, sind oft erschütternde Schicksale. Sawall erinnert sich an einen 50-jährigen türkischen Familienvater, der an ALS erkrankt ist und mit seiner Frau und fünf Kindern in einer Wohnung im vierten Obergeschoss ohne Aufzug lebte. Eine kostengünstige, barrierefreie Wohnung innerhalb der Mietobergrenze war für die Familie nicht zu finden.
Umzug ist für viele keine Option
„Es sind insbesondere die persönlichen Schicksale und die steigende Hoffnungslosigkeit, die uns teilweise berühren“, sagt Sawall. Sie beobachtet zudem, dass Menschen mit höherem Einkommen und ohne zusätzliche Hürden, etwa sprachlicher oder sozialer Art, deutlich leichter eine geeignete Wohnung finden.
Da ein Umzug für viele Menschen keine Option ist, gewinnt die Anpassung der bestehenden Wohnung an Bedeutung. Genau hier setzt die Wohnberatung an, die vom Kreis Unna und den Landesverbänden der Pflegekassen gefördert wird und ihre Beratung kostenlos anbietet.
Hilfe durch einfache Maßnahmen
Bei einer Gehbehinderung etwa könne schon eine Stufe zum unüberwindbaren Hindernis werden. Doch schon einfache Maßnahmen wie eine Rampe oder ein zusätzlicher Haltegriff können den Alltag erheblich erleichtern, ist sich das Team der Wohnberatung sicher. In anderen Fällen sind größere Umbauten nötig, etwa der Einbau einer bodengleichen Dusche oder die Anpassung des Hauszugangs.
„Ziel unserer Arbeit ist die Erhaltung der größtmöglichen Selbstständigkeit sowie die Vermeidung von Unfällen und unnötigen Heimeinzügen“, erklärt Sawall. Eine Aufgabe, die angesichts des angespannten Wohnungsmarkts wichtiger denn je ist.
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