Serie: Arm im Alter

Wenn die Rente nicht reicht: Warum so viele Frauen in die Armut rutschen

Altersarmut trifft viele Frauen – doch sie beginnt nicht erst im Alter. Teilzeit, Minijobs und traditionelle Rollenmodelle sorgen oft schon Jahrzehnte vorher dafür, dass die Rente später nicht reicht. Ein Blick auf die Ursachen.

Sie haben Kinder großgezogen, Angehörige gepflegt, gearbeitet – und stehen im Alter fast mit leeren Händen da. Doch warum sind vor allem Frauen so oft von Altersarmut betroffen? Die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Bönen kennt einige Gründe, denn: Altersarmut beginnt nicht mit dem Rentenbescheid, sondern oft Jahrzehnte früher.

Viele Rentner und insbesondere Rentnerinnen müssen im Alter jeden Cent umdrehen, um über die Runden zu kommen.

Weil ihre Rente nicht reicht, müssen viele Senioren Grundsicherung im Alter beantragen. Die soll ihren Lebensunterhalt sichern, also die Kosten für Lebensmittel, Kleidung, Wohnen, Heizen und mehr. Laut Statistischem Bundesamt sind 4,1 Prozent in Deutschland auf diese Hilfe angewiesen (Stand 2024), das sind rund 740 000 Betroffene. 281 davon leben in Bönen.

Armut im Alter: Wie Grundsicherung funktioniert

Tatsächlich gibt es wohl noch mehr Menschen im Ort, die kaum das Nötigste zum Leben haben. Aus Scham oder Unwissenheit stellen sie jedoch keine Anträge auf Hilfen, die ihnen per Gesetz zustehen würden. Das ist die Erfahrung, die auch die Mitarbeiter des hiesigen Sozialamtes gemacht haben.

Seit 2024 beträgt der Regelbedarf für Alleinstehende 563 Euro im Monat. Das ist aber keine Einkommens- oder Rentengrenze, wie Jan Albrecht vom Fachdienst bei der Gemeindeverwaltung erklärt. „Ein Anspruch auf Grundsicherung ergibt sich aus einer individuellen Bedarfsberechnung. Zum Regelbedarf werden die Kosten für Unterkunft und Heizung sowie gegebenenfalls Mehrbedarfe, etwa Kosten für die Gesundheit, berücksichtigt.“

Kerstin Luttrop, Gleichstellungsbeauftragte

Vom Gesamtbedarf wird dann zuerst das Einkommen – in der Regel die Rente – abgezogen. Wenn das Ergebnis nicht reicht, um alles zu bezahlen, übernimmt der Staat den Rest. Es gibt somit keine feste Rentenhöhe, ab der jemand automatisch Anspruch auf Grundsicherung hat. Es kommt vielmehr darauf an, wie hoch der tatsächliche Bedarf der Betroffenen ist.

 Wir müssen uns überlegen, wie man die Erziehungszeiten besser honoriert.

Kerstin Luttrop Gleichstellungsbeauftragte

Ältere Menschen sind den Statistiken zufolge stärker armutsgefährdet als die übrige Bevölkerung, sie beziehen besonders häufig Grundsicherung im Alter. Ganz besonders betrifft das Frauen. 21,5 Prozent der über 65-Jährigen sind heute von Armut bedroht, bei den Männern sind es 17,5 Prozent.

Warum Frauen gefährdet sind

Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit oder als geringfügig Beschäftigte (Minijobberinnen). Dadurch bekommen sie erst geringere Löhne, später niedrigere Renten. Viele betreuen außerdem jahrelang Kinder oder pflegen Angehörige. In dieser Zeit verdienen sie nichts, zahlen keine Rentenbeiträge. Das rächt sich später, weiß Kerstin Luttrop.

Grundsicherung oder Wohngeld

Wenn Rentner mit dem vorhandenen Einkommen ihren Lebensunterhalt nicht decken können, sollten sie prüfen lassen, ob sie Anspruch auf Grundsicherung im Alter haben. Damit werden auch die Kosten für das Wohnen übernommen. Wenn das Einkommen gering oberhalb der Bedarfsgrenze liegt, kann außerdem noch ein Anspruch auf Wohngeld bestehen. Beide Leistungen schließen sich gegenseitig aus. Wer Wohngeld oder Grundsicherung beantragen möchte, findet im Rathaus Bönen die richtigen Ansprechpartner.

„Es gibt noch immer zu viele Anreize für Frauen, nicht oder nicht vollzeit zu arbeiten“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde. Minijobs, aber auch das Ehegattensplitting führen ihrer Ansicht nach dazu, dass Frauen nicht ausreichend für ihren Ruhestand vorsorgen. Das Ehegattensplitting begünstigt den Besserverdienenden, zumeist den Mann, die Partnerin zahlt weniger Rentenversicherungsbeiträge. „Diese Modelle sind überaltert. Es wäre viel besser, jeden individuell zu versteuern“, so Luttrop.

Nach wie vor sei es so, dass viele Frauen weniger verdienen als Männer, trotz gleicher Position und Qualifikation. Nicht umsonst weist der „Equal Pay Day“ Jahr für Jahr auf die geschlechtsspezifische Lohnlücke hin: Der Aktionstag markiert den Zeitpunkt im Jahr, bis zu dem Frauen im Durchschnitt arbeiten müssen, um das gleiche Einkommen zu erzielen, das Männer im Vorjahr bereits verdient haben. In diesem Jahr war es der 27. Februar.

Die Rolle von Teilzeit und Minijobs

Früher kam hinzu, dass Frauen ihre Berufstätigkeit wegen der Kindererziehung lange ausgesetzt haben oder danach gar nicht mehr in den Job zurückgekehrt sind. „Die Betreuungsmöglichkeiten waren nicht optimal“, erinnert die Gleichstellungsbeauftragte an fehlende Kita-Plätze oder die Angebote der Offenen Ganztagsschulen. Einen Rechtsanspruch auf Betreuung, wie ihn Familien heute haben, gab es nicht. Und weil die Väter fast immer mehr verdient haben, blieb die Mutter selbstverständlich zu Hause. Das passte auch viel besser in das damalige Rollenverständnis.

Die Serie

Vier Frauen, vier Lebenswege – und doch enden sie alle an derselben Stelle: im Alter reicht das Geld nicht. Ihre Geschichten stehen exemplarisch für ein Problem, das viele Menschen trifft, ganz besonders Frauen.

Teil 1: Marlies – Ohne Ausbildung nur wenig Rente
Teil 2: Lydia – Lange gearbeitet, trotzdem reicht es kaum
Teil 3: Petra – Zurück in die Armut
Teil 4: Karola – Kleines Gehalt, wenig Altersvorsorge
Teil 5: Warum Frauen so oft von Armut betroffen sind –
Das sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

Glück haben diejenigen, die bei diesem Modell bis ins Alter zusammengeblieben sind. Wer jedoch nach Trennung, Scheidung oder Tod alleinstehend ist, muss allzu oft mit weniger auskommen. Die Witwenrente beträgt nur 55 Prozent der Rente, die der Ehepartner bezogen hat oder hätte. Bei einer Scheidung hängt es davon ab, wie viel beide in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Über den Versorgungsausgleich werden die Ansprüche daraus bei einer Scheidung dann aufgeteilt.

Karriereknick durch Kinder

Und selbst wenn heute weitaus mehr Frauen nach der Erziehungszeit arbeiten: Sie müssen häufiger mit einem Karriereknick bezahlen als Männer. Theoretisch haben Eltern unabhängig voneinander drei Jahre Anspruch darauf, zur Kinderbetreuung von der Arbeit freigestellt zu werden, statistisch gesehen nehmen die Väter davon aber nur wenige Wochen. Der Rest bleibt weiterhin an den Müttern hängen.

Die reduzieren anschließend viel öfter ihre Arbeitszeiten, um für die Kinder oder für pflegebedürftige Angehörige da zu sein. Das bedeutet wiederum, dass der Verdienst sinkt und damit die Rentenansprüche schrumpfen.

Was sich ändern müsste

„Das ist das falsche Signal“, stellt Kerstin Luttrop fest. Die Erziehungszeit müsste ihrer Meinung nach paritätisch aufgeteilt werden, damit Frauen später nicht in die Armutsfalle tappen und ihre Karriere fortsetzen können. Ferner sollte es weniger Teilzeitjobs geben und mehr Anreize für Frauen, Vollzeit zu arbeiten. „Soziale Arbeit sollte aufgewertet werden. Wir müssen uns überlegen, wie man die Erziehungszeiten besser honoriert.“ Und jede Frau sollte sich fragen, was mit ihr passiert, wenn sie sich auf das bestehende System verlässt. Kommt sie im Alter mit ihrem zu erwartenden Einkommen wirklich aus? Wer es sich leisten kann, sollte privat vorsorgen.

Altersarmut droht mehr Menschen als gedacht. Mehr als 9 Millionen Deutsche verdienen zu wenig, um später mit ihrer Rente auszukommen.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON

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