Altersarmut in Bönen

563 Euro Grundsicherung: „Ich muss mit jedem Groschen rechnen"

Nach 46 Jahren in Südafrika kehrt Petra zurück in ihre Heimat. Nun muss die 73-Jährige mit der Grundsicherung im Alter auskommen.

Die Packung Eiscreme für 1,89 Euro hat Petra, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, sich heute mal gegönnt. „Was gibt es bei schönem Wetter Besseres als Eiscreme?“, fragt die 73-Jährige und lächelt seelig.

Bei der Tafel deckt sich Petra (links) günstig mit Lebensmitteln ein. Das hilft ihr beim notwendigen Sparen.

Trotzdem hat sie sich gut überlegt, ob sie sich diesen „Luxus“ leisten kann. 563 Euro Grundsicherung im Alter hat sie jeden Monat zur Verfügung, seit sie nach 46 Jahren aus Südafrika nach Deutschland zurückgekehrt ist, keinen Cent mehr. „Ich muss mit jedem Groschen rechnen, den ich im Portemonnaie habe“, sagt sie.

Mit Sonderangeboten und der Tafel sparen

Ihre kleine Wohnung in Bönen bezahlt das Sozialamt, ebenso die Kosten für Wasser und Heizung. Von der Rundfunkgebühr ist sie befreit, ebenso von der Medikamentenzuzahlung. Das, was sie an Strom verbraucht, muss Petra hingegen selbst tragen. Hinzu kommen der Internetanschluss, ein Handyvertrag über 10 Euro im Monat, eine Versicherung und das Sozialticket.

Da schrumpft das, was sie jeden Monat zum Leben ausgeben kann, schnell auf unter 400 Euro. „Man lebt nicht im Luxus“, stellt Petra nüchtern fest. Auf ein Einkaufsbummel, sich ins Café zu setzen und etwas zu bestellen – darauf verzichtet sie lieber. „Ich muss mit dem auskommen, was ich habe.“

 Ich hatte aber Angst, in Südafrika zu bleiben.

Petra bangte um ihr Leben

Um das Meiste aus dem Bisschen herauszuholen, studiert die Seniorin jede Woche gründlich die Prospekte der Discounter und Supermärkte und kauft nur das, was im Angebot ist. Die große Flasche Spülmittel für 95 Cent kommt in den Einkaufswagen, das Markenmüsli für 3,49 Euro – das lässt sie liegen. „Es ist alles so teuer geworden“, beklagt die Bönenerin. Dass die Grundsicherung seit zwei Jahren nicht mehr angehoben wurde, empfindet sie als unfair. Überall seien die Löhne aufgrund der Kostensteigerungen angehoben worden, nur die Hilfen nicht.

Sie ist froh, einmal in der Woche zur Tafel gehen zu können. Die Lebensmittel, die sie dort bekommt, helfen ihr richtig, wie sie sagt. Kleidung und Schuhe kauft sie nur, wenn es unbedingt nötig ist. Zum Glück hat ihre Tochter sie gerade neu eingekleidet, ein Paar Schuhe spendiert.

Ohne Ausbildung nach Südafrika

Petras Geschichte ist ungewöhnlich, zugleich aber typisch für viele Frauen in dieser Generation: Sie hat sich viele Jahre ausschließlich um die Kinder und den Haushalt gekümmert. Für die Rente gearbeitet hat sie nicht. Als junges Mädchen wollte die gebürtige Unnaerin dabei gerne Friseurin oder Schneiderin werden. Weil sie als Kind jedoch schwer krank gewesen war, riet die Ärztin davon ab. Statt eine Ausbildung zu absolvieren, arbeitete Petra so in einer Fabrik.

1976 folgte sie ihrer Liebe nach Südafrika. Ihr Mann baute dort ein kleines Unternehmen auf. Sie selbst musste erst mal Englisch lernen, um Fuß fassen zu können. Sie belegte einen Sekretärinnenkursus und fand schließlich eine Stelle im Büro. Zweieinhalb Jahre arbeitete die junge Deutsche dort, bis ihre Tochter auf die Welt kam.

Die Serie

Die Kinder erzogen, den Haushalt geschmissen und gearbeitet: Trotzdem reicht es am Ende nicht. Vor allem Frauen sind im Alter oft von Armut betroffen. Doch wie sind sie in diese Situation gekommen? Und wie lebt es sich nur mit dem Notwendigsten? Vier Frauen aus Bönen sprechen in dieser Serie ganz offen darüber. Petra hat dabei eine außergewöhnliche Lebensgeschichte.

Teil 1: Marlies – Ohne Ausbildung nur wenig Rente
Teil 2: Lydia – Lange gearbeitet, trotzdem reicht es kaum
Teil 3: Petra – Zurück in die Armut
Teil 4: Karola – Kleines Gehalt, wenig Altersvorsorge
Teil 5: Warum Frauen so oft von Armut betroffen sind –
Das sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

Als die Kleine aus dem Gröbsten heraus war, wollte sie eigentlich wieder in den Beruf einsteigen. Doch ihr Mann hatte andere Pläne. „Sein Motto war: Eine Frau gehört in den Haushalt.“ Sie folgte, kümmerte sich um Kind und Haushalt. Neun Jahre später bekam sie dann noch einen Sohn.

Zeitweise zahlte Petra einen kleinen Betrag in die Rentenkasse in Deutschland ein, insgesamt 19 Jahre lang. Ein Bekannter riet ihr davon ab. „Das lohnt sich nicht. Du bekommst später ohnehin nichts mehr, so wie sich das in Deutschland entwickelt“, habe er ihr gesagt. Daraufhin wollte sie sich die angesparte Rente auszahlen lassen, was aber nicht funktionierte. So bekommt sie heute immerhin einen Minibetrag, der vom Sozialamt auf den Grundbedarf von 563 Euro aufgestockt wird.

Seit sie 2022 nach Deutschland zurückgekehrt ist, muss Petra davon leben. Ihr Mann ist in Südafrika geblieben, das Paar hat sich getrennt. Unterhalt bekommt sie nicht. „Mein Mann wollte nicht nach Deutschland zurückkehren, ich hatte aber Angst, in Südafrika zu bleiben.“ Sie fürchtete sich zunehmend vor der steigenden Kriminalität und Gewalt in dem Johannesburger Stadtteil, in dem sie lange gelebt hat.

Trennung und Rückkehr nach Deutschland

„Es wurde jede Nacht eingebrochen, Autos aufgeschlagen, Sachen zerstört.“ Mittlerweile sei es dort lebensgefährlich. Insbesondere wenn ihr Mann für mehrere Tage beruflich unterwegs war, bangte sie allein in dem Haus. Schließlich zog sie einen Schlussstrich, flog in ihre alte Heimat, in der sie noch Familie hat.

Die hat ihr nach ihrer Rückkehr sehr geholfen, zum Beispiel, als Petra in die Wohnung nach Bönen zog. „Ich habe vom Amt Geld für die Einrichtung bekommen. Davon habe ich mir einen Wohnzimmerschrank gekauft und weitere Sachen. Vieles habe ich aber gespendet bekommen von Verwandten, das Bett zum Beispiel, den Fernseher und den Esstisch.“

Mit Südafrika hat sie abgeschlossen, zumal ihre Tochter mit der Familie nun in Neuseeland, der Sohn mit Frau und Kindern ebenfalls in Deutschland lebt. „Ich fühle mich hier wohl und komme zurecht“, sagt Petra. Ein schönes Abendessen, das vermisst sie freilich gelegentlich. „Am liebsten in einem Büfettrestaurant, in dem man sich all die Leckereien nehmen kann.“ Doch das gibt es leider nicht im Sonderangebot. Da bleibt ihr nur die Eiscreme bei Sonnenschein.

Rubriklistenbild: © Sabine Pinger

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