Serie Arm im Alter
Rentnerin macht Minijob mit 75 – sonst bleiben nur 450 Euro zum Leben
Mit 914 Netto-Rente lassen sich keine großen Sprünge machen. Deshalb arbeitet eine Rentnerin aus Bönen weiterhin ein paar Stunden und holt sich Hilfe bei der Tafel.
Dass sie mal zu denjenigen gehören würde, die jeden Cent umdrehen müssen, hat Karola nicht erwartet. Immerhin ist sie gut ausgebildet und war lange berufstätig. Trotzdem muss sie jetzt mit 914 Euro Netto-Rente auskommen. „Große Sprünge kann man damit nicht machen“, stellt sie fest.
Um sich dennoch einen kleinen Urlaub leisten zu können, arbeitet sie mit 75 Jahren weiterhin ein paar Stunden in der Woche. „Das Geld, das ich verdiene, lege ich für den Urlaub beiseite“, erzählt sie. Dieses Mal soll es mit der Bahn an die Ostsee gehen. „Wenn man früh genug bucht, bekommt man das Ticket günstig.“ Karola fährt mit 50 Euro hin und zurück.
Sparen muss die Rentnerin auch sonst. Zwar bekommt sie Wohngeld, Strom, Versicherungen, Telefon, Internet und das Bahnticket muss sie dennoch bezahlen. „Danach habe ich ungefähr noch 450 Euro im Monat zum Ausgeben“, rechnet sie vor. Ein Auto passt nicht ins Budget. Karola hat es vor ein paar Jahren verkauft. „Die Reparaturen wären zu teuer geworden.“
Sozialticket und E-Bike
Von ihrer Familie hat sie sattdessen zum 70. Geburtstag ein E-Bike geschenkt bekommen. Damit ist sie viel unterwegs oder eben mit der Bahn. „Ich habe das Sozialticket, dadurch bekomme ich das Deutschlandticket 10 Euro günstiger“, gibt die Bönenerin an. Zu Hause herumzusitzen sei einfach nichts für sie, lieber unternehme sie etwas. „Ich mache oft Tagestouren mit dem Rad oder der Bahn und nehme mir etwas zu essen mit. Dann muss ich kein Geld ausgeben.“
Ich hatte niemanden für die Kinderbetreuung. Also habe ich erst mal aufgehört zu arbeiten.
Früher wäre es wohl kein Problem gewesen, sich auswärts einen kleinen Imbiss zu gönnen. Ihr Mann hat gut verdient, sie selbst hat gearbeitet. Nach der Schule absolvierte die Bönenerin eine Ausbildung in der Verwaltung und arbeitete anschließend im mittleren Dienst. Dann kamen nacheinander die beiden Kinder, ihr Mann wurde versetzt, und die Familie musste umziehen.
Fast 40 Jahre im Handwerksbetrieb
„Ich hatte niemanden für die Kinderbetreuung. Also habe ich erst mal aufgehört zu arbeiten.“ Das, was sie bis dahin in die Rentenversicherung eingezahlt hatte, ließ sie sich auszahlen. „Es hieß, wenn beide Ehepartner bei einer Behörde sind, dann bekommt später nur einer eine Rente.“ Das Geld hat sie in die Wohnungseinrichtung gesteckt – ein großer Fehler, wie sie heute weiß.
Allerdings hat die zweifache Mutter ab 1982 wieder gearbeitet, fast 40 Jahre im Büro eines Handwerksbetriebes. Und obwohl sie fast die ganzen Jahre über nahezu vollzeitbeschäftigt war, hat sie offenbar zu wenig in die Alterskasse eingezahlt. „Ich habe nicht viel verdient“, bedauert die 75-Jährige. Ihr Mann hatte das höhere Einkommen, war der Hauptverdiener in der Familie. Entsprechend waren die Steuerklassen verteilt. Irgendwann hat er sich selbstständig gemacht, seine und schon gar ihre Altersvorsorge aus den Augen verloren.
Die Serie
Die Kinder erzogen, den Haushalt geschmissen und gearbeitet: Trotzdem reicht es am Ende nicht. Vor allem Frauen sind im Alter oft von Armut betroffen. Doch wie sind sie in diese Situation gekommen? Und wie lebt es sich nur mit dem Notwendigsten? Vier Frauen aus Bönen sprechen in dieser Serie offen darüber. Ganz ohne Scham geht das aber nicht bei allen: Karola heißt gar nicht Karola, sie möchte ihren echten Namen nicht nennen.
Teil 1: Marlies – Ohne Ausbildung nur wenig Rente
Teil 2: Lydia – Lange gearbeitet, trotzdem reicht es kaum
Teil 3: Petra – Zurück in die Armut
Teil 4: Karola – Kleines Gehalt, wenig Altersvorsorge
Teil 5: Warum Frauen so oft von Armut betroffen sind –
Das sagt die Gleichstellungsbeauftragte.
Und dann kam das, womit kaum jemand rechnet: Die Ehe ist gescheitert. „Als die Kinder in der Ausbildung waren, habe ich mich scheiden lassen“, berichtet Karola. Unterhalt vom Ex-Mann hat sie nie bekommen, beim Versorgungsausgleich ging sie nahezu leer aus. „Ich war auf mich alleine gestellt.“ Zum Glück zogen ihre Eltern zu ihr, so konnten sie sich zumindest die Kosten für das Haus teilen.
Später zog sie allein in eine Wohnung. Damit sie weiterhin ihr Auskommen hatte, arbeitete die Bürokraft nach dem regulären Renteneintritt einige Jahre als geringfügig Beschäftigte weiter. Mit 69 Jahren, in der Corona-Pandemie, war aber mit dem Minijob Schluss.
Helfen und helfen lassen
Weil sie gerne etwas Sinnvolles tun wollte, erkundigte sich die Rentnerin bei der Tafel, ob sie dort ehrenamtlich helfen könne. Dass sie selbst die Hilfe gebrauchen könnte, verschwieg sie aus Scham. Erst als sie feststellte, dass immer mehr Senioren wie sie das Angebot nutzten, fragte sie nach, ob sie ebenfalls Kundin werden könnte. „Als ich meinen Rentenbescheid vorgezeigt habe, wurde mir gesagt, dass das überhaupt keine Frage sei.“ Seither steht sie auf beiden Seiten: Sie verteilt Lebensmittel an die, die bedürftig sind, und nimmt das mit nach Hause, was sie für sich benötigt. Viel ist das nicht. „Man muss es ja auch aufbrauchen. Ich möchte nichts wegschmeißen.“
Um bei der Kleidung zu sparen, stöbert die Rentnerin schon mal durch den Cariert-Kleiderladen der Caritas in Bönen. Dort wird gut erhaltene Kleidung aus zweiter Hand für wenig Geld angeboten. Das hilft weiter. „Und dann unterstützt mich meine Familie sehr“, gibt die 75-Jährige an. Es ganz allein zu schaffen, das wäre schwierig.
Rubriklistenbild: © Sabine Pinger
