Altersarmut in NRW

Jasmin Gohle erhält kaum Rente: „Mit 41 Grad Fieber zur Maloche – und das ist das Ende vom Lied“

Jasmin Gohle rutschte in die Privatinsolvenz. Jetzt ist das Verfahren beendet, sie steht bei null. Was ihr heute trotz knapper Rente wirklich fehlt.

Jasmin Gohle hat fast 40 Jahre gearbeitet, ist krank geworden und stand mit 628 Euro da. Zwischenzeitlich war sie sogar in die Privatinsolvenz gerutscht. Heute, mit 66, steht sie bei null – und sagt: Das befreit.

Jasmin Gohle (66) muss mit wenig Rente auskommen – den Mut hat sie aber nicht verloren.

Jasmin Gohle trägt einen blauen Sternenschal und lächelt, als sie sich setzt. Man merkt sofort: Das ist eine, die gerne unter Leuten ist. Eine, die mitanpackt. Eine, die Teil des Geschehens sein will. Untätigkeit ist nicht ihr Ding.

Jasmin Gohle bekommt nur eine kleine Rente – das belastet

Dann fängt sie an zu erzählen – und die Tränen kommen. Nicht lange, nicht theatralisch. Nur kurz. Sie wischt sie weg und redet weiter. „Ich habe nie damit gerechnet. Niemals. Ich habe immer viel Geld verdient – zu der Zeit noch DM. Und niemals, niemals damit gerechnet.“ Sie spricht von dem Moment, als sie mit 66 Jahren in Rente ging. Und mit 628 Euro dastand.

Gohle hat fast ihr ganzes Erwachsenenleben gearbeitet. 20 Jahre in der Industriebranche, dann über zehn Jahre in der Gebäudereinigung, dazu Minijobs, Erziehungszeiten, erzählt sie im Gespräch mit wa.de. Knapp 38 Jahre insgesamt. Sie ist mit 41 Grad Fieber zur Maloche gegangen, sagte sie. Sie habe nicht geklagt, nicht gefehlt, nicht aufgegeben. Und doch steht sie am Ende mit ganz wenig da.

Rente: Das sind die 15 größten Mythen zur Altersvorsorge

Kommt die Rente automatisch? Wie lange muss man mindestens gearbeitet haben? Und muss sie sogar versteuert werden? Das sind nur einige von vielen Fragen zur Altersvorsorge, die wir Ihnen nachfolgend beantworten wollen.
Mythos 1: Die Rente kommt automatisch. Hierbei handelt es sich um einen Irrtum. Alle Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung müssen schriftlich beantragt werden.
Mythos 2: Die Rente muss nicht versteuert werden. Auch das ist nicht richtig. Renten sind grundsätzlich Einkommenssteuer- beziehungsweise Lohnsteuerpflichtig. Jedoch wird das Geld derzeit nicht voll versteuert. Der Prozentsatz hängt vom Zeitpunkt des Renteneintritts ab.
Mythos 3: Ein Reha-Aufenthalt mindert die Rente. Nein, ganz im Gegenteil: Während einer Rehabilitation werden die Pflichtbeiträge zu 80 Prozent des vergangenen Bruttolohns von der Rentenversicherung gezahlt, was den späteren Rentenanspruch erhöht.
Rente: Das sind die 15 größten Mythen zur Altersvorsorge

Ein Einschnitt war ihre Krankheit. Probleme mit dem Gleichgewicht. Dauerhaft. Arbeitsunfähigkeit. Erwerbsminderungsrente. Und irgendwann der Rentenbescheid – der erste Blick auf die Zahl, die den Rest ihres Lebens bestimmen würde. „Das war ja das Schlimme: Ab 1. Februar war ich Rentnerin – aber da gab es ja gar kein Geld. Es gab ja erst am 28. Und da stand ich dann mit 628 Euro.“ Sie hält kurz inne. „Ich war geschockt. Für mich war es schlimm.“

Dabei hat sie alles richtig gemacht, was man ihr beigebracht hatte. Arbeiten. Einzahlen. Durchhalten. Und trotzdem: Von der zweiten Ehe wurden ihr beim Rentenausgleich 16 Euro angerechnet. „Was ist das?“, fragt sie. Keine Antwort erwartet sie darauf. Irgendwann stand sie vor der Tafel. Es war das erste Mal. Sie ist reingegangen – und in ihr ist etwas zerbrochen.

Der erste Gang zur Tafel war der schwerste

„Da bin ich rein und habe geheult wie ein Schlosshund. Ich habe mich unendlich geschämt. In dem Moment, für die Jahre, wo du schuftest, wo du mit 41 Grad Fieber zur Maloche gehst – und das Ende vom Lied ist das.“ Es sind die Tränen der Scham. Die Tränen von jemandem, der ein Leben lang gegeben hat – und jetzt nehmen muss. Gohle wischt sie weg. Und geht trotzdem weiter hin.

„Ich denke schon, dass man dazu stehen soll, wenn es einem so ergeht.“ Sie sagt das ohne Pathos. Es ist eine Entscheidung, die sie irgendwann getroffen hat: Ich stehe dazu. Ich schäme mich nicht mehr. Heute kann sie offen über alles reden. Auch über die schwierigste Zeit in ihrem Leben: „Ich habe mir gesagt: Ich muss ein Insolvenzverfahren einleiten, sonst kann ich mir einen Strick nehmen.“ Sie sagt das ruhig, ohne Drama. Es war eine Entscheidung für das Leben – auch wenn es sich damals nicht so angefühlt hat.

Letzte Woche war es vorbei. Alles erledigt. Und dann sagt Gohle einen Satz, bei dem ihr zum zweiten Mal im Gespräch die Tränen kommen – diesmal aber aus einem ganz anderen Grund. Die Frau bei der Sparkasse habe sie gefragt: „Weißt du noch, wo du hergekommen bist vor sechs Jahren? Ein Häufchen Elend.“ Jasmin Gohle richtet ihren Blick auf, sie lächelt: „Und heute – was ich heute bin, wo ich da stehe.“ Das sind die Tränen des Stolzes. Tränen einer Frau, die sich selbst nicht aufgegeben hat. „Seit letzter Woche bin ich aus dem Insolvenzverfahren raus. Alles erledigt. Ich stehe jetzt bei null – und das ist auch schön. Das befreit.“

Heute kommt Gohle mit 750 bis 800 Euro im Monat aus. Davon gehen Kranken- und Pflegeversicherung ab, über 200 Euro. Was bleibt, reicht – wenn man weiß, wie man haushaltet.

Jasmin Gohle gönnt sich nur wenig Luxus von ihrer Rente

Das Deutschlandticket für über 50 Euro? Macht sie nicht. Sie läuft zu ihren Ärzten. In ein Café setzen, wo ein Cappuccino 5,20 Euro kostet? Nein. „Den kann ich auch woanders trinken – für 2,60 Euro. Da kann ich zwei trinken.“ Sie lacht dabei. Und wenn ihr jemand 100 Euro schenken würde zum Shoppen? „Ich glaube, ich bringe 80 davon wieder mit nach Hause. Weil ich eine ganz andere Wertschätzung habe. Ich weiß, wie es ist, ganz wenig zu haben.“

Was ihr allerdings wirklich fehlt, ist der Urlaub. „Drei Wochen Holland, nur Wald, eine Ferienwohnung – das wäre schon schön. Das ist mein großer Wunsch.“ Sie sagt es leise, fast nebenbei. Kleine Ausflüge macht sie hin und wieder – vor allem mit dem Verein Seniorenglück aus Dortmund.

Dort ist Gohle nicht nur Empfängerin. Sie hilft mit. Packt an. Ist dabei. „Das war das Schlimme eigentlich – dass man sich nicht mehr gebraucht fühlt.“ Jetzt ist das anders. Und Gohle hat sich arrangiert mit ihrer finanziellen Situation. Es war ein schwerer Weg, aber sie nimmt ihn leicht: „Trotzdem habe ich die Freude am Leben nicht verloren. Ich lebe.“

Rubriklistenbild: © Marvin K. Hoffmann

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