Blutrote Zeitkapsel

Uralte Meereswelt unter dem Eis: Was Forscher in der Antarktis aufgespürt haben

Unter dem Taylor-Gletscher in der Antarktis existiert eine uralte Meereswelt – jahrtausendelang eingefroren, abgeschnitten vom Ozean. Und trotzdem lebendig.

Am Rand des Taylor-Gletschers in der Antarktis ergießt sich ein gespenstisches Naturschauspiel in den Lake Bonney: blutrotes Wasser, das wie eine Wunde aus dem Eis quillt. Die sogenannten Blood Falls faszinieren Forscher seit ihrer Entdeckung – doch woher das eisenhaltige Salzwasser stammt, blieb lange ein Rätsel. Nun liefert eine neue Studie den Beweis: Unter dem Gletscher hat eine marine Lebensgemeinschaft Jahrtausende überdauert, abgeschnitten vom Ozean und eingeschlossen im Eis.

Die „Blood Falls“ in der Antarktis. (Archivbild)

Angela Zoumplis und ihr Team haben 167 Proben aus der McMurdo-Dry-Valleys-Region analysiert und dabei Wasser, Sediment und Luft untersucht. Mit genetischen Methoden identifizierten die Forscherinnen und Forscher sowohl eukaryotische als auch prokaryotische Organismen in jeder Probe. Das Ergebnis, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature Geoscience, ist eindeutig: Die Mikroorganismen im rot gefärbten Eis, Schlamm und Sediment am Ende des Gletschers stammen fast ausschließlich aus marinen Umgebungen. An den umliegenden Standorten dominierten hingegen Süßwasser- und terrestrische Populationen.

Blood Falls in der Antarktis sind ein Zeitkapsel

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit nahegelegenen Ozeanproben. Am Gletscherende, wo die Blood Falls fließen, teilten 9,34 Prozent der Eukaryoten ihre Herkunft mit dem Meer – an anderen Standorten in den Dry Valleys waren es nur 1,15 Prozent. Diese deutliche marine Prägung der Salzwasser-Gemeinschaft belegt ihre ozeanische Herkunft.

Die Forschenden rekonstruieren die Geschichte so: In vergangenen Warmperioden überschwemmte Meerwasser das Taylor Valley. Als die Meeresspiegel sanken und der Taylor-Gletscher vorrückte, wurde das Salzwasser unter dem Eis eingeschlossen und vom Ozean isoliert. Die Mikroorganismen überlebten in dieser extremen Umgebung – ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie mikrobielle Gemeinschaften große Umweltveränderungen überdauern können.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Fund in der Antarktis: „Nicht einfach nur genetische Überbleibsel“

Die RNA-Daten zeigten, dass die gefundenen Organismen nicht nur „genetische Überreste“ sind: Es wurden aktive phototrophische Eukaryoten entdeckt – Organismen, die Licht als Energiequelle nutzen und deren Genaktivität mit Photosynthese, Stressreaktionen, Zellreparatur und dem Überleben unter salzhaltigen Bedingungen in Verbindung stand. „Genau diese Aktivität macht den Fund besonders spannend“, erklärt Zoumplis. „Wir sehen hier nicht einfach nur genetische Überbleibsel. Wir sehen Hinweise darauf, dass Organismen auf eine raue, sich verändernde Umwelt reagieren – auf Gefrieren, Auftauen, Salzstress, Eiseneinwirkung und lange Phasen der Inaktivität.“

Zukünftige Forschungen könnten diese Mikroorganismen noch genauer untersuchen, um herauszufinden, wann genau das subglaziale Wasser isoliert wurde. Solche Erkenntnisse würden nicht nur Einblicke in die Evolution der polaren Landschaft bieten, sondern auch grundlegende Fragen über die Anpassungsfähigkeit von Leben unter extremsten Bedingungen beantworten – mit möglichen Implikationen für die Suche nach Leben auf eisbedeckten Monden im Sonnensystem. (Quellen: Mitteilungen der University of California und der Scripps Institution of Oceanography, Studie in Nature Geoscience) (tab)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Aurora Photos

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