„Leistungsbereit und hochmotiviert“

Wie vietnamesische Einwanderer den Fachkräftemangel in der Pflege beheben sollen

Delegation in St. Stephanus: Vertreter einer vietnamesischen Sprachschule und anderer Seniorenheime informierten sich über das Pilotprojekt.
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Delegation in St. Stephanus: Vertreter einer vietnamesischen Sprachschule und anderer Seniorenheime informierten sich über das Pilotprojekt.

Schulabsolventen aus Vietnam werden in einem Pilotprojekt in Hamm zu Pflegefachkräften ausgebildet. Das soll dazu beitragen, den Fachkräftemangel in der Pflege zu beheben.

Hamm – Wer soll die alten Menschen pflegen, wenn die Babyboomer in Ruhestand gegangen sind? Unter anderem Einwanderer aus Vietnam, hofft Jens Jörger, Geschäftsführer im Heessener Seniorenheim St. Stephanus. Neun vietnamesische Pflegeschüler werden derzeit in seiner Einrichtung ausgebildet, drei von ihnen sollen im kommenden Jahr ihr Examen machen. Jörger will sich dafür einsetzen, dass weitere Seniorenheime mitziehen und so eine vietnamesische Community in Hamm entsteht.

„Uns allen war gemeinsam klar, dass es aus dem Fundus der hiesigen jungen Leute nicht gelingen wird, den Bedarf an Pflegekräften zu decken“, sagt Christian Ley, Leiter der Westfälischen Pflegeschule im Berufsförderungswerk (BFW). Seit Jahren gibt es einen Fachkräftemangel in Hamm, in vielen Branchen, auch der Pflege.

Einwanderung sei zwingend erforderlich, um etwas gegen den Fachkräftemangel in der Pflege zu tun. Vor vier Jahren informierte er die Träger von Seniorenheimen über die Möglichkeit, Pflegekräfte in Drittstaaten zu rekrutieren. Zwei Jahre später begannen die ersten Schülerinnen und Schüler in Hamm ihre Ausbildung: den schulischen Teil in der Westfälischen Pflegeschule, den praktischen Teil absolvieren sie in Pflegeeinrichtungen, die jungen Vietnamesen in St. Stephanus.

Kulturelle Begleitung: Junge Vietnamesen mit höchstem Schulabschluss können sich bewerben

„Eine kulturelle Affinität zur Pflege ist in Vietnam gegeben“, sagt Stephanie von Weichs. Sie gehört zur Geschäftsführung der Vidacta Bildungsgruppe. Diese wirbt die künftigen Pflegeschüler in Vietnam an. Es handle sich um junge Leute, die den höchsten Schulabschluss erworben hätten – ähnlich des Abiturs. Die meisten seien um die 20 Jahre alt. Vidacta wählt die Bewerber aus, erklärt wie das Leben in Deutschland und die Arbeit in der Pflege ist.

Sind sie interessiert, besuchen sie noch in Vietnam Sprachkurse auf eigene Kosten. Etwa ein Drittel der jungen Leute breche ab, die übrigen lernten weiter, bis sie das Sprachzertifikat B1 erworben haben. Dann helfen die Vidacta-Mitarbeiter, Visa und Arbeitserlaubnisse zu beantragen, bereiten sie auf das Leben in Deutschland vor. „Vieles ist ja anders“, sagt von Weichs, von der Mülltrennung bis zur Gleichberechtigung.

Man kann den gigantischen Mut dieser jungen Leute, direkt nach dem Schulabschluss in ein anderes Land abzuwandern und dort einen Beruf zu erlernen, nur bewundern.

Christian Ley, Leiter der Westfälischen Pflegeschule

In Hamm wohnen die Leute im Berufsförderungswerk. Vier Monate haben sie Zeit, sich zu akklimatisieren und Hamm weiter kennenzulernen – dann beginnt die Ausbildung. Die Schüler besuchen reguläre Pflegeklassen, wo sie in Kontakt mit anderen Pflegeschulen aus Hamm kommen. „Die jungen Leute aus Vietnam sind oft sehr leistungsbereit und hochmotiviert“, sagt Christian Ley. Der Beratungsaufwand sei zwar etwas höher, schon, weil die jungen Einwanderer keine Familien in Hamm haben. Dann helfen die Lehrer weiter. „Die kommen ja wirklich alleine“, sagt Ley. „Man kann den gigantischen Mut dieser jungen Leute, direkt nach dem Schulabschluss in ein anderes Land abzuwandern und dort einen Beruf zu erlernen, nur bewundern.“ Die kulturelle Begleitung und Hilfe beim Kontakt zu Behörden übernimmt weiterhin Vidacta.

Im Seniorenheim St. Stephanus würden die vietnamesischen Schüler genauso eingebunden wie die anderen Schüler auch. „Sie haben eine sehr positive und lösungsorientierte Grundhaltung“, berichtet Jörger. Der Kontakt zum übrigen Team und den Bewohnern sei gut.

Mit guten Bedingungen überzeugen: Leiter des Pflegeheims will Auszubildende halten

Lediglich eine junge Vietnamesin sei bisher umgezogen. Die übrigen blieben. Werden sie nach ihrer Ausbildung weiter in Hamm arbeiten? Das hofft Jörger. „Wir wollen mit guten Bedingungen vor Ort überzeugen.“

Deshalb ist es ihm so wichtig, dass andere Träger mitziehen und ebenfalls vietnamesische Schüler anwerben. Dann könnten sich die vietnamesischen Pflegekräfte gegenseitig unterstützen – und würden eher bleiben als es bei Einzelkämpfern zu erwarten sei. Jörger hat in der vergangenen Woche eine Delegation durch sein Seniorenheim geführt, um ihnen das Projekt vorzustellen, darunter Vertreter anderer Träger von Pflegeheimen sowie einer Sprachschule aus Hanoi.

Dass die Pflegekräfte in Hamm gebraucht werden, daran hat er keinen Zweifel. „Der Bedarf ist da und wird in Zukunft steigen“, sagt Jörger. In Bielefeld versucht eine Einrichtung, Pflegekräfte mit Hilfe einer Vier-Tage-Woche zu entlasten.

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