Ein krankes System

Leiharbeit in der Pflege: Explodiert die Zeitbombe auch in Hamm?

Leiharbeit in Pflegeheimen ist doppelt so teuer wie herkömmliches Personal, aber auch in Hamm auf dem Vormarsch. Kritiker warnen nicht erst seit gestern laut vernehmlich, nun hat es die ersten beiden Einrichtungen „erwischt“.

Hamm – Insider hatten es schon vor Monaten prophezeit: „Das wird auch in Hamm nicht mehr lange gut gehen. In der gesamten Pflegebranche tickt eine Zeitbombe.“ Nun ist es also passiert. Der Betreiber der Seniorenresidenz „An St. Agnes“ am Nordenwall und des Pflegezentrums „Im Medicum“ an der Südstraße, die in Oldenburg ansässige Hansa-Gruppe, hat Mitte März einen Insolvenzantrag gestellt – in Eigenverwaltung, also mit dem Ziel, das Unternehmen bis zum Jahresende neu aufzustellen und zu einer schwarzen Null zurückzukehren.

Begründet – und das ist das Bemerkenswerte an diesem Vorgang – wurde der Gang ins Sanierungsverfahren (unter anderem) damit, dass die Hansa-Gruppe aufgrund des Personalmangels in der Pflege auf den „sehr kostenintensiven Einsatz von Zeitarbeitenden“ habe zurückgreifen müssen. So hatte es die von der Hansa-Gruppe (23 Heime bundesweit) engagierte Kanzlei Schulze & Braun jedenfalls per Pressemitteilung erklärt und ein Phänomen beschrieben, das aus Sicht vieler Pflege-Experten zum Flächenbrand werden und auch weitere Einrichtungen in Hamm in die Knie zwingen werde.

„Die Leiharbeit in der Pflege ist toxisch. Das ganze System wird vor die Wand gefahren, und die Politik unternimmt nichts. Dabei geht es um mehrere hundert Millionen Euro, die allein in NRW Jahr für Jahr verbrannt werden“, heißt es hinter vorgehaltener Hand aus der Chefetage einer der größeren Pflegeeinrichtungen in Hamm.

Seit Mitte März in der Insolvenz: das Seniorenzentrum „An St. Agnes am Nordenwall.

Leiharbeit in der Pflege: Ohne geht es nur noch selten

Im Gespräch mit unserer Zeitung wird erklärt, dass man namentlich nicht hinter diesen Äußerungen stehen könne. Begründung: In Zukunft sei man wohl (noch mehr als schon jetzt) auf Leiharbeiter angewiesen und könne es sich deshalb nicht mit der Branche und ihren Mitarbeitern verscherzen. In Hamm gebe es jedenfalls kaum eine Einrichtung mehr, die ganz ohne Leiharbeiter auskomme.

Glaubt man den Kritikern (und dafür spricht vieles), so befindet sich insbesondere der Seniorenpflegebereich zunehmend im Würgegriff der Leiharbeitsfirmen. Diese könnten die Preise diktieren und täten das auch, heißt es in der Fachpresse. Bestätigt wird das auch von Stimmen vor Ort. Ein Arbeitgeberbrutto von jährlich etwa 65.000 Euro werde für eine examinierte Pflegekraft fällig, rechnet dem WA die Heimleitung einer Hammer Senioren-Einrichtung vor. Bei einer Leiharbeitskraft seien dies hingegen etwa 125.000 Euro – also annähernd das Doppelte.

Leiharbeit in der Pflege: Immer mehr Mitarbeiter wechseln

Das Geld fließe dabei nicht nur in die Taschen der Leiharbeitsfirmen: Auch das von ihnen vermittelte Pflegepersonal verdiene heute mehr als die Stammbelegschaft eines örtlichen Hauses. Zudem könnten die Leiharbeiter die Arbeitszeiten diktieren. Ungeliebte Dienste – beispielsweise am Wochenende oder feiertags – würden von ihnen abgelehnt und müssten vom Stammpersonal geschultert werden. Kein Wunder also, dass immer mehr etabliertes Personal zu den Zeitarbeitsfirmen wechseln würde, heißt es.

Auch bei der Qualität der Zeitarbeiter müsse man Abstriche machen. Sie identifizierten sich naturgemäß weniger mit der jeweiligen Einrichtung, hätten häufig auch keine Ahnung von spezifischen Behandlungsformen und würden sich mit den örtlichen Begebenheiten in einem Haus – angefangen beim Brandschutz – ebenfalls nicht auskennen.

Gefordert wird überregional von Heim- und Krankenhausbetreibern ein Verbot oder eine stärkere Regulierung der Leiharbeit im Pflegebereich. Vor Ort gibt es solche Stimmen nicht. Die Arbeitsgemeinschaft der Hammer Senioreneinrichtung wäre ein solches Sprachrohr gewesen, wurde aber schon vor längerer Zeit aufgelöst.

Leiharbeit in der Pflege: Stadt Hamm hat die Heimaufsicht

Der Stadt Hamm obliegt die Heimaufsicht über die 29 örtlichen stationären Pflegeeinrichtungen, in denen knapp 2 000 Plätze vorgehalten werden. Wie viele Leiharbeitskräfte in den Senioreneinrichtungen zum Einsatz kommen, ist (auch) im Rathaus nicht bekannt.

„Durch den bestehenden Fachkräftemangel ist allerdings deutlich feststellbar, dass nicht alle Stellen sofort wieder besetzt werden können. Deshalb ist der Einsatz von Leiharbeiter:innen oftmals der einzige Lösungsweg“, teilt die Verwaltung auf WA-Anfrage mit. Es sei nicht feststellbar, dass der Einsatz von Leiharbeit zu einer Verschlechterung der Qualität in der Pflege führe. 35 Mal seien im Jahr 2022 von der Heimaufsicht Einrichtungen überprüft worden.

Das Gehalt steigt stärker als in anderen Branchen, die Zahl der Beschäftigten wächst - und doch bleibt die Pflege ein Krisengebiet. Woran hakt es in der Praxis und was kann man besser machen?

Rubriklistenbild: © epd

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