Sind hohe Kosten der Grund?
„Leiden abartig“ – NRW-Tierheime überfüllt mit alten und kranken Katzen
Viele Tierheime in NRW sind überfüllt mit Katzen. Gerade die Alten werden wegen erhöhter Tierarztkosten vermehrt abgegeben. Und es gibt noch mehre Probleme.
Hamm – In zu vielen Tierheimen sind viel zu viele Katzen. Wieder und wieder melden sich Tierschützer aus NRW mit dringenden Appellen auf Facebook. Die überfüllten Katzenhäuser und Quarantänezimmer lassen sie verzweifeln. In manchen Fällen müssen Menschen mit Abgabekatzen am Tierheim sogar abgewiesen werden.
„Absolute Verzweiflung“ fühlten schon im Oktober die Mitglieder des Tierschutzvereins Siebengebirge. „Fast alle Tierschutzvereine und Tierheime leiden unter der großen Flut an Katzen, die über sie hereinbricht. So auch wir“, schrieben sie auf Facebook und auf der Website. Es seien verunfallte, unkastrierte, trächtige, kranke, ausgesetzte Katzen – doch eine Sache sei neu: „ In diesem Jahr haben uns besonders viele betagte Katzen große Sorgen bereitet.“
„Wahnsinnige Tierarztkosten“: NRW-Tierheime klagen über besonders viele alte Tiere
Viele seien entweder noch als Kitten zu schon alten Menschen vermittelt worden, die dann starben, und die Katzen blieben zurück, erläutert eine Tierschützerin aus dem Verein im Gespräch mit wa.de. Andere seien schon lang bei ihren Menschen, hätten gute Familien gehabt. Doch durch die „wahnsinnigen Tierarztkosten“ tue sich eine Entwicklung auf, die immense Folgen habe. „Zum Teil werden 17-jährige, sogar 20-jährige Katzen abgegeben“, sagt die Tierschützerin, „und die leiden abartig“.
Im November 2022 wurden die Gebühren für tierärztliche Leistungen umfassend geändert. Die Anpassung der Gebühren fand mehr als 20 Jahre nach der letzten Änderung statt. Sie war laut Bundestierärztekammer unter anderem angegangen worden, weil der Beruf des Tierarztes nicht mehr lukrativ und erstrebenswert schien, niedergelassene Praxen und Kliniken wurden weniger – und dadurch auch die Versorgung von Tieren, gerade auf dem Land.
Doch so wichtig die flächendeckende Versorgung ist, so unerlässlich ist auch, das sich Tierhalter diese auch noch leisten können. Der Deutsche Tierschutzbund mit Sitz in Bonn hatte schon zum Referentenentwurf Stellung genommen. Die Verantwortlichen sagten schon damals, dass es gerade für finanziell schlechter gestellte Menschen schwierig bis unmöglich werde, diese höheren Gebühren zu bezahlen.
„Ziel kann und darf nicht sein, dass diese Tierhalter notwendige Behandlungen aufgrund der Kosten nicht durchführen lassen oder die Tiere aufgrund dessen im Tierheim abgeben“, heißt es in der Stellungnahme. Und: „Dies hätte wiederum eine Mehrbelastung der Tierheime zur Folge.“ Dem Tierschutzbund war diese Entwicklung schon weitgehend klar. Darum forderte der Verein Maßnahmen, die gerade diesen Tierhaltern ermöglichen würden, nicht die vollen neuen Gebühren zu bezahlen.
Tierschutzbund: Politik hat versäumt, ärmeren Menschen Spielraum zu geben
Auf Nachfrage von wa.de schreibt eine Sprecherin jetzt aber: „Leider hat die Politik versäumt, solche Maßnahmen zu ergreifen. Folglich zeigt sich, dass Tierschutzeinrichtungen vermehrt mit Tieren konfrontiert werden, die aus finanziellen Gründen abgegeben werden. Nicht selten handelt es sich dabei um alte, kranke Tiere oder Tiere mit Qualzuchtmerkmalen, für deren Versorgung und tiermedizinische Betreuung den Tierheimen hohe Kosten entstehen.“
Das Tierheim Duisburg sieht da auch eine „gestiegene ‚Ich Mentalität‘“ als Problem. Katzen würden angeschafft, ohne dass die Menschen groß nachdächten. Dann sortierten die Menschen ihre Katzen aus – meistens indem sie sie aussetzten, schreibt eine Mitarbeiterin des Tierheims auf Anfrage von wa.de. „Gerade das aussetzen von Katzen ist in Duisburg ein sehr großes Thema und kommt in den Letzen Jahren immer Öfter vor.“ Die gestiegene Gebührenordnung für Tierärzte spiele eine große Rolle, vermuten auch die Tierschützer in Duisburg.
Tierheim Bochum: Hören immer wieder, dass Menschen sich Tierarzt nicht leisten können
Und auch das Bochumer Tierheim, dass in diesem Jahr schon mehrfach mit einer regelrechten „Katzenflut“ kämpfte, schließt sich auf Nachfrage an. Zwar habe sich die Lage im Katzenhaus und in den Quarantänezimmern wieder entspannt, doch: „Wir hören das immer wieder, auch bei Abgabetieren, dass sich die Menschen das Tier nicht mehr leisten können, gerade wenn es krank wird.“ Das habe „mit Sicherheit“ auch mit den erhöhten Tierarztkosten zu tun. Das bestätigt auch der Tierschutzbund: „In einer Trendumfrage des Deutschen Tierschutzbundes gaben u.a. 74 Prozent der teilnehmenden Tierheime an, dass vermehrt kranke Tiere im Tierheim landen.“
Und die gestiegenen Gebühren erzeugen ein weiteres Problem: Tierheime sowie Tierschutzbund klagen über die Masse an unkastrierten Katzen. Im großen Katzenschutzreport des deutschen Tierschutzbundes aus dem vergangenen Jahr gab demnach jeder zehnte Katzenbesitzer an, eine unkastrierte Katze zu haben. Das treffe auch auf etliche Freigängerkatzen zu – die laut Tierschutzbund in den vergangenen Jahren zunehmend für ein umfassendes Straßenkatzenproblem sorgen.
Tierschutzverein: Das Problem bleibt an den Tierheimen hängen
Eine Kastration kostete früher bis zu rund 150 Euro, nach den gestiegenen Gebühren sind das nun die Mindestkosten. In manchen Fällen würden laut Tierschutzbund sogar 300 Euro fällig. Eine flächendeckende Kastrationspflicht gibt es in Deutschland nicht. „So bleibt das Problem an den Tierheimen und Tierschutzvereinen hängen“, sagt die Sprecherin des Tierschutzvereins Siebengebirge abschließend.
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